Buchhandels-Chronologie einer Kleinstadt

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Posted on August 29, 2014

Dynamik und Wandel zeichnen die Buchbranche. Das Beispiel der kleinen Schweizer Grossstadt Winterthur zeigt, welche Veränderungen allein in den vergangenen  15 Jahren passiert sind.

Die Buchhandlung Schneebeli an der Obergasse sei wohl das erste Geschäft, das wegen des grossen Orell Füssli schliessen müsse, mutmasste man in den 90er-Jahren in Winterthur. Der Grossbuchhändler Orell Füssli hatte gerade in der zweitgrössten Zürcher Stadt seine erste Filiale ausserhalb von Zürich eröffnet und man wartete gespannt auf die Veränderungen, die dies nach sich ziehen sollte. Die Lokalzeitungen gaben sich kritisch, die Konkurrenz rief zum Boykott auf und die Bürgerinnen und Bürger der Kleinstadt hielten zu den Hiesigen und mieden den Grossisten aus der Kantonshauptstadt.

Der härteste Gegner von OF war der Besitzer der nächstgrösseren Buchhandlung der Stadt, Wolfgang Vogel. Sitzungen, bei denen es um die gemeinschaftliche Förderung kultureller Projekte ging, verliess er unter Protest, sobald Vertreter des verhassten Konkurrenten auftauchten. Stand in einer Lokalzeitung etwas Positives über OF oder seine Belegschaft, rief bei der Chefredaktion sogleich ein erboster Wolfgang Vogel an. Bei OF war man auf Gegenwind vorbereitet und darauf, einen langen Atem beweisen zu müssen. Man blieb gelassen, Kadermitglieder sollen es sich zum Sport gemacht haben, nach Besuchen in der Filiale kurz in der Buchhandlung Vogel vorbeizuschauen und sich mit Namen und Funktion beim Geschäftsbesitzer vorzustellen.

Merkwürdiges Geschehen im Keller

Die kleine Buchhandlung Schneebeli beachtete man nicht gross. Zwar munkelte man in der Buchbranche, in welcher jeder jeden kennt, auch über Seltsames, das in den Kellerräumen an der Obergasse abspielen soll: Student Pascal Schneebeli, Sohn, respektive Enkel der Besitzer Alex und Alexandre Schneebeli, hatte das Internet entdeckt und war auf die verwegene Idee gekommen, damit ein neues Geschäftsfeld erschliessen zu wollen. 1998 gründete er zusammen mit seinem Vater Alexandre die erste Onlinebuchhandlung der Schweiz und erntete dafür von den Winterthurer Buchhändlerinnen ein müdes lächeln.

Doch der neue Geschäftszweig wuchs rasch und was von der Konkurrenz zunächst belächelt worden war, sollte sie kurz darauf das Fürchten lehren. Der Internethandel wurde grösser und wichtiger. Schneebli, der für seinen Onlineauftritt den unaufgeregten aber naheliegenden Namen buch.ch gewählt hatte, war erfolgreich. Buch.ch wurde rasch zu gross für den kleinen Betrieb. Die Infrastruktur der Kleinbuchhandlung reichte bald nicht mehr aus, um die Menge an Bestellungen nebenbei zu verarbeiten. Schneebeli verkaufte ins Ausland, blieb aber als Geschäftsführer oder Verwaltungsrat immer mit mindestens einem Fuss drin und lenkte die Geschicke des ehemaligen Start-Ups weiter.  2007 wurde er zu einem von zwei Geschäftsführer von Thalia Schweiz.

Fusion der Elefanten

Allen damaligen Unkenrufen zum Trotz existiert die Buchhandlung an der Obergasse immer noch. Nachdem sich die Gründerfamilie Schneebeli weitestgehend aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte, verkaufte sie die Buchhandlung an die Geschäftführerin Daniela Binder, die den Laden unter dem Namen Obergass Bücher erfolgreich betreibt.

Der kämpferische Wolfgang Vogel verkaufte seine Buchhandlung 2008 aus Altersgründen. Nachfolger zu finden ist heutzutage schwierig und so wurde Thalia Schweiz die Käuferin des einstigen Familienunternehmens. Seinem Versprechen, niemals an Orell Füssli zu verkaufen, blieb Vogel treu. Doch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, lautet ein Buchtitel und auch Wolfgang Vogel sollte seine Ironie zu spüren bekommen. Im Jahr 2013 schlossen sich die einstigen Konkurrenten zusammen: Orell Füssli und Thalia Schweiz, die beiden Elefanten des Schweizer Buchmarktes, fusionierten und wurden zu Orell Füssli Thalia AG. Zwei Ladengeschäfte im Abstand von wenigen 100 Metern zu betreiben rentiert sich für den unter Druck stehenden Grossisten nicht. Vermutlich im Frühjahr 2015 wird die OF Filliale an der Marktgasse 3 ihre Tore schliessen. Die Orell Füssli Thalia Buchhandlung wird dann im Ladenlokal der ehemaligen Buchhandlung Vogel zum grössten Buchhaus auf dem Platz Winterthur werden.

Chronologie des Winterthurer Buchhandels in den letzten 15 Jahren

  • 1997: Die Buchhandlung Orell Füssli eröffnet an der Marktgasse eine Filliale
  • 1997: buch.ch wird gegründet
  • 2000: Die Buchhandlung Hoster schliesst. Im Ladengeschäft zieht eine Weltbild-Filiale ein.
  • 2008: Wolfgang Vogel Verkauft sein Geschäft an Thalia Schweiz
  • 2010: Orell Füssli eröffnet eine zweite Filiale im Einkaufszentrum Rosenberg
  • 2013: Ex Libris schliess seine Filiale am Graben
  • 2013: Thalia Schweiz und die Orell Füssli Buchhandungs AG fusionieren und kündigen an, eines der grossen Ladengeschäfte in der Winterthurer Altstadt zu schliessen.
  • 2014: Die Buchhandlung zum Schwert schliesst. Der Besitzer zieht sich altershalber zurück, die Suche nach einem Nachfolger ist gescheitert.

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