Heinrich Steinfest, Das grüne Rollo, Piper Verlag

Das Beste kommt am Schluss – über „Das Grüne Rollo“ von Heinrich Steinfest

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Posted on Mai 06, 2015

Theo lebt in zwei Welten. Seinen normalen Alltag verbringt der Junge mit seiner Familie in einer Wohnung ohne Vorhänge. Das Interieur streng durchkomponiert, die Eltern herzlich und einander noch immer sehr zugetan, die älteren Geschwister mit dem eher unscheinbaren Theo emotional wenig verbunden. Doch nachts taucht plötzlich ein grünes Rollo vor Theos Fenster auf, ein Rollo, das ihn magisch anzieht und in eine andere, grüne Welt katapulitert. Dort entdeckt Theo schlimme Dinge. Ein Mädchen wird gezwungen, ununterbrochen auf einem Laufband zu rennen. Um den Hals trägt es einen mit einem Henkersknoten geknoteten Strick. Bleibt es stehen, schliesst sich der Strick um den Hals.

Der Sternekoch im Fastfood-Restaurant

Theo rettet das Mädchen. Beim zweiten Versuch gelingt den beiden die Flucht in die normale Welt, wo Anna fortan als seine kleine Schwester lebt. Zurück lässt Leo seine anderen Helfershelfer, die durch ihre Unterstützung ebenfalls in die Fänge der Feinde, der Männer mit den scharfen Augen, geraten sind: die Labrador-Hündin Helene wird eine von ihnen, Fernfahrer Bela wird die nächsten vierzig Jahre apathisch vor sich hinvegetieren und der ehemalige Sternekoch dazu verdammt, in der Küche eines Schwimmbads fettige Fast-Food-Gericht zuzubereiten.

Das Schicksal des Kochs wird Theo vierzig Jahre später in ähnlicher Form teilen. Als nicht mehr ganz junger Astronaut darf er zwar an einer Mission zum Mars teilnehmen, die unter Anderem durch seinen Einsatz als Wissenschaftler möglich geworden ist. Im Herzen der Mission lässt man ihn aber nicht mehr mitarbeiten. Nur noch als Nachtwächter wird Theo geduldet, die einzigen wissenschaftlichen Aufgaben, welche man ihm noch zutraut, ist das Beobachten der Entwicklung der Tomaten und Kartoffeln. Bis eines Nachts in der Raumfähre am Ende eines Ganges das grüne Rollo wieder auftaucht, und Theo erneut in die grüne Welt saugt……

Die grünen Welten der Träumer

Layouterisch erinnert „Das grüne Rollo“ an Michael Endes „Unendliche Geschichte“. Wie bei Ende sind auch bei Steinfest die Traumsequenzen grün gedruckt. Und wie Endes Bastian entzieht sich auch Steinfests Theo der Realität. Doch im Gegensatz zu Bastian gibt es in Theos Leben keinen offensichtlichen Grund, um vor der Realität zu flüchten. Weder leidet er an körperlichen Unzulänglichkeiten wie Übergewicht, noch wird er aus anderen Gründen gemobbt. Nur sein Mangel an Leidenschaft und seine Distanziertheit fallen auf, und lassen ihn als Helden manchmal etwas verpeilt und uninteressant erscheinen. Dass es für die Distanz gegenüber seinem Umfeld einen guten Grund gibt, lässt Steinfest seine Leser erst ganz am Schluss wissen. Dann nämlich eröffnet er, dass sein Held in Wirklichkeit beim Versuch, sein neues Rollo herunter zu lassen, aus dem offenen Fenster gestürzt ist und seither im Koma liegt. Vierzig Jahre lang pflegten Mutten und Schwester ihn daraufhin, was eine öffentliche Debatte auslöste.

Seine eigene Meinung zum Thema lebenserhaltende Massnahmen lässt der Autor aussen vor. Empathisch beschreibt er die beiden pflegenden Frauen. Gleichzeitig lässt er kritische Stimmen einziehen, ohne dabei den Moralfinger zu erheben. Hauptsächlich erzählt er aber über die aufregenden Erlebnisse eines Komapatienten. Am Ende des Romans, stirbt dieser. Weil aber eine Fortsetzung des grünen Rollos geplant ist, kann man davon ausgehen, dass am Ende noch nicht alles vorbei ist.

Heinrich Steinfest, Das grüne Rollo, Piper Verlag, München, 2015

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