Das letzte Training vor dem grossen Knall

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Posted on April 27, 2014

Durchschnittlich 35 Trainingseinheiten absolviert jeder Reiter der Zunft Riesbach pro Jahr. Am Samstag fand in Rickenbach das letzte Training vor dem Sechseläuten statt.

«Ihr sollt zehn Meter Abstand halten, habe ich gesagt», ruft Hans Widmer aus der Mitte des Sandplatzes energisch. «Sind für dich zehn Meter ungefähr gleich viel, wie für mich?», gibt einer seiner Schüler vom Pferd aus zurück. Die 18 Männer, die auf dem Platz der Reitsportanlage Neugut in Rickenbach trainieren, gehören zur Reitergruppe der Zunft Riesbach, die am Samstag Vormittag ihre letzte Probe vor dem morgigen Sechseläuten absolviert hat. Kleinere Formationen stehen auf dem Programm sowie das Galoppieren in der Gruppe, wie sie am Ende des Umzugs auf dem neuen Sechseläutenplatz aufgestellt sein wird.

«Einige von ihnen sind halt manchmal etwas dominant», sagt Stallbesitzer Felix Widmer, der das Training beobachtet, auf die kecke Bemerkung des Reiters hin. Aber sein Vater sei ein Reitlehrer alter Schule, der könne sich schon durchsetzen. Das regelmässige Training mit den Zünftern  ist eine der wenigen Aufgaben, die der 89-Jährige noch selber übernimmt.

Disziplin und Konzentration

Die Schüler sind voll des Lobes für ihren Lehrer: «Hans ist super», sagt Reiter-Obmann Martin Ruckstuhl. Den strengen Ton nimmt dem Lehrer niemand übel. «Ich behandle jeden gleich», sagt Widmer. Ob jemand Manager sei oder Kind – der Umgang mit Pferden erfordere Konzentration und Disziplin. Während des Umzugs betreut dann Felix Widmer die Reiter. Zehn Männer aus dem Umfeld des Reitzentrums marschieren links und rechts der Pferde mit. Meistens gehe alles gut, aber gelegentlich komme es vor, dass die Aufregung zu viel für ein Pferd werde und man es aus dem Zug rausnehmen müsse, erzählt Widmer.

Die Pferde der Riesbach-Reiter haben alle schon mehrere Sechseläuten hinter sich und sind erfahrene Schulpferde, die kaum noch etwas erschüttert. Widmer sieht dem Tag darum gelassen entgegen. Ausserdem müssen die Tiere über das Wochenende und am Montag Vormittag mehrere Reitstunden absolvieren und erhalten etwas weniger Kraftfutter als üblich, damit sie während des Fests ruhig bleiben. «Konditionell ist der Umzug nicht anstrengend und die zwei Galopprunden am Schluss sind für kein Pferd eine grosse Belastung», sagt Widmer. Aber mental fordere man einiges von den Tieren: der ungewohnte Boden, die vielen Menschen und der Lärm seien eine grosse Belastung. Besonders der Contermarsch an der Bahnhofstrasse, wo sich der Umzug kreuzt, sei durch den Gegenverkehr eine grosse Herausforderung für die Tiere. Vorsichtshalber nimmt Widmer deshalb immer etwas Sedativum mit. Die Paste wird den Pferden ins Maul gestrichen und hat eine beruhigende Wirkung auf sie. Für den Kreislauf sei dies nicht optimal, bestätigt Tierarzt Michael Schmid, der gerade auf dem Hof zu tun hat. Aber im Zweifel sei ein Pferd, das sich in der Aufregung verletze, das grössere Übel.

Den Runden, die jede Zunft um den brennenden Böögg galoppiert, sehen Stallbesitzer und Reiter gelassen entgegen. «Nach dem Umzug haben sich die Pferde an die Aufregung gewöhnt», so Widmer. Angst vor Feuer oder der Lärm sei bei seinen Tieren eigentlich kein Thema. Zudem seien die Tiere als Gruppe eingespielt und mit ihren Reitern vertraut. Das gebe ihnen die nötige Sicherheit.

Rund 35 Mal muss jeder der Zünfter im Jahr zu Dressurstunden und Ausritten mit Galoppeinheiten in der Gruppe erscheinen. Auch spezielle Übungseinheiten, die sich der Pflege und dem Umgang mit den Pferden widmen, stehen zwei Mal im Jahr auf dem Programm. Nur die wenigsten der Riesbach-Reiter sind im Besitz eines Reiter-Brevets und somit fachlich im Umgang mit Pferden geprüft. «Wir versuchen zwar, sie dahin zu führen, aber die meisten sträuben sich noch», so Widmer.

Der Stallbesitzer führt sehr genau Buch darüber, wer zum Training erscheint und wer nicht. Wer zu oft fehlt, muss damit rechnen, beim Umzug ausgeschlossen zu werden. «Diese frohe Botschaft darf ich dann jeweils überbringen», sagt Reiter-Obmann Ruckstuhl. Der Entscheid liege aber letztendlich bei Stallbesitzer und Reitlehrer, welche die Verantwortung für die Tiere haben.

Intensive Vorbereitungen

«Die Reiter sind aber alle recht engagiert», sagt Widmer. Oder, wie Reiter-Obmann Ruckstuhl es ausdrückt: «Zum Glück haben wir keine einzige Pfeife in unserer Gruppe.» Damit das auch so bleibt, achten die Männer sehr genau darauf, wen sie neu bei sich aufnehmen. «Wir sind so etwas wie eine Zunft in der Zunft», erklärt Zünfter und Rennstallbesitzer Peter Sauber. Man sehe sich so oft und in Verbindung mit den Pferden in einer besonderen Situation, da müsse der Zusammenhalt einfach stimmen. Doch der Reiter-Obmann ist ständig auf der Suche nach Nachwuchs. Mit aktuell 21 Reitern hat die Zunft Riesbach eine der grössten Reitergruppen, während viele andere Zünfte ihre Reiter für das Sechseläuten dazumieten müssen. Das soll auch so bleiben. «Die Reitergruppe ist der Stolz einer jeden Zunft», sagt Nils Walt, der als einer der wenigen Zunftmeister hoch zu Ross voraus reitet.

Dem Reitsportzentrum steht morgen Montag ein Grosskampftag bevor. Sechs Personen werden extra aufgeboten, um die Pferde zu waschen und zu frisieren und das Lederzeug zu polieren, bevor Widmer die Pferde nach Zürich fährt. Wieviel er seinen Reitern für diesen Service berechnet, will er nicht verraten. Den Zünftern kann diese Verschwiegenheit nur Recht sein. Einen Reitstall zu finden, der eine solche Zusammenarbeit ermöglich, sei nicht leicht, so Zunftmeister Nils Walt. Deshalb hätten andere Zünfte schon versucht, die Riesbacher in Rickenbach finanziell auszustechen.

Monika Schubarth

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