«Den Todestag kann ich mir jederzeit vor Augen rufen»

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Posted on Juni 16, 2014

Der Selbstmord ihres Bruders hat das Leben von Hanna Schmid von einem Moment auf den andern verändert. Inzwischen ist das Thema Suizid Teil ihres Lebens.

«Selbstmord war früher bei mir höchstens ein Thema, wenn der Zug stecken blieb, weil sich im Stadelhofen wieder jemand auf die Schienen legte», sagt Hanna Schmid. Ihr Bruder habe sie manchmal in solchen Si tua tio nen angerufen, um mit ihr zu plaudern und die Wartezeit in der stehenden S-Bahn zu überbrücken. Vor anderthalb Jahren nahm er sich dann selber das Leben.

Der Anruf kam an einem Vormittag im November. Die Eltern des 44-Jährigen waren bei dessen Schwester und ihrer Tochter zu Besuch. Er sei nicht zur Arbeit erschienen und habe sich auch nicht krankgemeldet, sagte jemand aus seinem Büro. Ob seine Verwandten wüssten, wo er sei. «Uns allen war sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste», erzählt die Schwester. «Wenn jemand zuverlässig war, dann mein Bruder.» Zu Überstunden oder Sondereinsätzen am Wochenende habe er sich immer bereit erklärt. Er war ein Perfektionist und weil er keine eigene Familie hatte, meistens verfügbar.

Stunden des Suchens

Dass sich der jüngere Bruder das Leben genommen hatte, war rasch klar. Direkt nach dem Anruf aus dem Büro fuhr der Vater zum kleinen Häuschen, welches der 44-Jährige bewohnte. Auf dem Esstisch fand er einen dreiseitigen Abschiedsbrief. Es folgten intensive Stunden des Suchens, gefüllt mit Angst, Trauer und der Hoffnung, den Bruder doch noch lebend zu finden. «Den Todestag und die Tage danach kann ich jederzeit vollständig abrufen», sagt Schmid. An jedes Detail könne sie sich erinnern. Zwei Tage vergingen zwischen dem Verschwinden des Bruders und dem Auffinden von seiner Leiche.

Als der Vater auf dem Polizeiposten eine Vermisstmeldung aufgeben wollte, versagte ihm die Stimme. Auch das sei schlimm für sie gewesen, erinnert sich Schmid. Mit ansehen zu müssen, wie ihre Eltern von einem Moment auf den nächsten komplett den Boden unter den Füssen verloren hätten. Ihrer damals sechsjährigen Tochter wollte sie ersparen, dies alles miterleben zu müssen. Sie gab sie in die Obhut einer Freundin.

Im Nachhinein frage sie sich manchmal, ob dieser Entscheid richtig gewesen sei. Ihr Kind habe sie später gefragt, war um es sich nicht auch am Sarg vom Onkel habe verabschieden dürfen, und wäre gern da gewesen, um die Mutter zu unterstützen und zu trösten. «Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn sie in diesen Tagen bei mir gewesen wäre. Aber es ging alles so schnell und ich habe so etwas ja noch nie vorher erlebt. Niemand sagt dir, wie man sich richtig verhält, wenn der eigene Bruder sich das Leben genommen hat.»

Noch kennt die inzwischen Achtjährige nicht die ganze Geschichte über den Tod ihres Onkels. Sie weiss nur, dass dieser mit dem Auto weggefahren ist und darin ums Leben gekommen ist. Mehr habe sie ihr nicht erzählen können. Wann der richtige Zeitpunkt ist, hat die 48-Jährige noch nicht festgelegt.

Suizid als Teil des Lebens

Schmid spricht grundsätzlich offen über ihren Bruder und dessen Geschichte. Das viele Erzählen hat ihr geholfen, sich mit diesem Tod auszusöhnen. «Ich bin ihm nicht böse», sagt sie. Ihr Bruder habe diesen Weg wohl gehen müssen. Die grosse Schwester hofft und denkt, dass es ihm dort, wo er jetzt ist, besser geht.

«Für mich gehört das Thema Suizid inzwischen zum Leben dazu.» Kommt im Fernsehen ein Beitrag zu dem Thema, schaut sie ihn sich an. Erscheint ein neues Buch über Selbstmord, liest sie es. «Keine Ahnung, war um man sich so etwas antut.» Aber die intensive Auseinandersetzung habe ihr sicher geholfen, Verständnis für den Bruder aufzubringen und mit dem Verlust besser fertigzuwerden.

«Dein Bruder wird allmählich zum Einsiedler», habe einmal eine gemeinsame Bekannte zu ihr gesagt. Doch als sie ihn dar auf angesprochen habe, habe er nur geantwortet: «Du weisst doch, wie sie ist, immer muss sie übertreiben.» Vielleicht sei es ein Fehler gewesen, ihm zu glauben. Bis zum Schluss habe er sie täuschen können. «Das ist das Schlimmste für mich: dass ich als Schwester ihm immer nahegestanden habe und trotzdem nicht mitbekommen habe, wie es ihm wirklich geht.»

Quälende Fragen

Seine Freunde seien weniger überrascht von dem Suizid gewesen, ihnen ge gen über habe er gelegentlich Bemerkungen gemacht. «Aber soll ich ihnen jetzt böse sein, weil sie mir nichts davon erzählt haben? Was wäre das denn für ein Leben gewesen für mich und meine Eltern, wenn wir immer mit der Angst hätten leben müssen, dass er sich etwas antun könnte?» Natürlich habe sie sich immer wieder gefragt, ob sie sich ihm ge gen über hätte anders verhalten, sich mehr um ihn kümmern, ihn mehr einladen oder gar bedrängen müssen, wenn er sich wieder einmal in sein Schneckenhaus zurückgezogen hatte. «Aber wie hätte ich die Verantwortung für einen erwachsenen Mann übernehmen können?»

Was zurückbleibt

Bei der Verarbeitung geholfen hat Schmid auch, dass sie die Wochen nach dem Tod ihres Bruders in dessen Häuschen verbrachte, um es zu räumen. Für sie sei klar gewesen, dass sie diese Aufgabe übernehme, ihren Eltern hätte sie dies nicht zumuten wollen.

In dieser Zeit sortierte sie das Leben, warf einiges weg, verschenkte anderes oder behielt es als Erinnerung für sich selber auf. Für den damals 18-jährigen Göttibuben des toten Bruders stellte sie eine Erstausstattung für seine erste Wohnung zusammen. Auch ihn habe der Tod des Paten erschüttert, das Verhältnis sei eng gewesen, die beiden hätten gemeinsame Interessen gehabt und viel zusammen unternommen.

Am Anfang sei es seltsam gewesen, Salz- und Pfefferstreuer des toten Bruders zu verwenden. Immer habe sie gedacht: «Diese Sachen gehörten ihm.» Mit der Zeit habe sich dieses Gefühl gelegt und es sei normal geworden, dass die Dinge jetzt zu ihrem eigenen Alltag gehörten.

Als der Vater die Urne mit der Asche in der Hand gehalten habe, habe er gesagt: «Das also bleibt von einem Menschen übrig.» Ein guter Freund soll daraufhin gesagt haben: «Nein, was von ihm übrig bleibt, sind wir, die ihn jetzt vermissen.» Jeder Suizid hinterlässt im Durchschnitt zehn bis fünfzehn erschütterte Leben. Am Trauergottesdienst nahmen 180 Personen teil, die Kirche war zum Bersten voll. «Ich glaube schon, dass er wusste, dass er nicht alleine war und dass wir für ihn da gewesen wären», sagt Schmid. «Aber irgendwie hatte er wohl immer das Gefühl, sich für uns verstellen zu müssen. Am Ende war ihm dafür wahrscheinlich die Kraft ausgegangen.»

 

«Prävention hilft auch den Hinterbliebenen»

Jörg Weisshaupt arbeitet als Seelsorger mit Suizidbetroffenen und setzt sich für Suizidprävention ein.

Herr Weisshaupt, man sagt, dass jeder Selbstmord 10 bis 15 Betroffene zurücklässt. Wie verändern sich diese durch den Vorfall?
Jörg Weisshaupt: Bei meiner Arbeit mit den Hinterbliebenen beobachte ich, dass viele von ihnen nach einem Suizid zu ernsthaften Menschen mit Tiefgang werden. Sie wollen die Trauer bewusst angehen, und es gelingt ihnen auf diese Weise, für ihr eigenes Leben neue Perspektiven zu entwickeln. Ich bin mir jedoch bewusst, dass dies nur auf eine Minderheit der Betroffenen zutrifft, denn Trauerarbeit bedeutet Schwerstarbeit für die Seele.

Welche Gefühle löst ein Suizid bei Hinterbliebenen aus?
Jeder plötzliche Verlust eines Menschen löst einen schwierigen Trauerprozess mit starken Gefühlsschwankungen aus. Bei Suizid wird die Frage nach der Schuld oder dem War um sehr häufig gestellt. Wenn ein Familienmitglied an einer unheilbaren Krankheit leidet, können sich alle Beteiligten noch zu Lebzeiten voneinander verabschieden. Beim Suizid ist dies nicht möglich. Das kann zu Verlustängsten und Beziehungsunfähigkeit führen.

Wie schwer fällt es Betroffenen, über das Thema zu sprechen?
Über das Sterben und den Tod zu sprechen, ist grundsätzlich schwierig. Weil Suizid bis heute mit einem Tabu behaftet ist, fällt es Betroffenen noch schwerer, die Selbsttötung zu thematisieren und offen dar über zu reden.

Fühlen sich Hinterbliebene auch stigmatisiert?
Ja, aber oft aufgrund von Missverständnissen: Wenn ein Nachbar plötzlich die Strassenseite wechselt, um dem Hinterbliebenen auszuweichen, muss das nicht heissen, dass er ihn für den Suizid seiner Partnerin mitverantwortlich macht. Vielleicht weiss er einfach nicht, wie er der Person in dieser Si tua tion begegnen soll.

Raten Sie den Hinterbliebenen ge gen über Aussenstehenden zu einem offenen und kommunikativen Umgang oder eher zu Zurückhaltung?
Wichtige Voraussetzungen für den offenen Dialog über Suizid sind das gegenseitige Vertrauen, die passende Umgebung und der richtige Moment. Wenn Hinterbliebene spüren, dass die Frage nach dem Wohlergehen nur aus Neugierde gestellt wird, können sie sich nicht öffnen. Wenn sie in einem Club bei lauter Musik gefragt werden, sind sie vielleicht nicht bereit, dem Ge gen über in voller Lautstärke vom Suizid zu berichten. Ein sehr redegewandter Germanistikstudent hatte das starke Bedürfnis, seinen Freunden vom Suizid seiner Mutter zu berichten, und merkte erst spät, dass sich viele von ihm abwandten, weil er sie schlicht überfordert hatte.

Was kann Hinterbliebenen den Umgang mit der begangenen Selbsttötung erleichtern?
Vielleicht die Tatsache, dass die suizidale Person ihrem Umfeld vor der Tat keine Chance bot, die Absicht der Selbsttötung zu erkennen. Wer Suizid begeht, will eigentlich nicht sterben, aber er kann mit seinen seelischen oder körperlichen Schmerzen nicht mehr weiterleben. Diese Erklärung kann nicht wirklich beruhigen, aber sie trifft in vielen Fälle zu.

Hilfreich wäre auch ein anderer Umgang von Politik und Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen: Wir massen uns an, körperlichen Schmerz höher zu gewichten als seelisches Leiden. Bei rund 80 Prozent der Suizide in der Schweiz liegt eine psychische Erkrankung vor. Deshalb bedarf es in diesem Bereich präventiver Massnahmen, von denen auch Hinterbliebene profitieren können.

(Das Interview wurde per E-Mail geführt.)

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