Der crossmediale Krieg im Netz

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Posted on April 14, 2014

Im digitalen Krieg brechen Hacker in die Systeme von Regierungen und Konzernen ein, um zu spionieren oder zu manipulienren. Doch das ist erst der Anfang.

Drei Tage brauchte der Hacker Felix Lindner, genannt FX, dann war er im zentralen Computer der Stadtwerke drin. Lindner hätte die Möglichkeit gehabt, die Strom-, Wasser und Gasversorgung der gesamten Kleinstadt Ettlingen an der deutsch-französischen Grenze auszuschalten. Doch er ist kein Krimineller. FX arbeitet im Auftrag der Ettlinger Stadtwerke.  Diese haben den Hacker beauftragt, die Sicherheit ihrer Firewall zu testen. Den Zeitpunkt des Angriffs bestimmte Lindner selbst. Die Geschäftsführung der Ettlinger Stadtwerke erfuhr erst im Nachhinein, dass der Hack geklappt hatte.

Lindner hatte sich bereit erklärt, vor der Kamera über seinen Auftrag zu sprechen. Im Dokumentarfilm «Netwars» gibt er einen Einblick darüber, wie er Sicherheitslücken in Systemen aufspürt, um in diese einzudringen. Viele Berufsgeheimnisse gibt er dabei allerdings nicht Preis. Der Cyberspace bleibt ein verschwiegener Ort.

«Mit einem Stück digitalen Codes liesse sich ganz Europa lahmlegen.» (Quelle: Netwars)

Bespiele dafür, dass in angeblich sichere Netzwerke eingebrochen wird, gibt es zu Hauf. Erst letzte Woche wurde bekannt, dass die Verschlüsselungssoftware OpenSSL, die auf einem Grossteil der Websites eingesetzt wird, um sensible Daten zu übermitteln, Sicherheitslücken aufweist. Kurz darauf tauchte das Gerücht auf, dass der US-Geheimdienst sich diese Lücken schon länger zu Nutzen macht, um seine Gegner auszuspionieren. Nur wenige Tage davor meldeten deutsche Medien, dass Millionen Mailkonten mit .de-Adressen gehackt worden seien. Und die wohl grösste Aufmerksamkeit erreichte im letzten Jahr die Meldung, dass die NSA das Telefon der deutschen Kanzlerin abhört.

Beginn eines Krieges oder masslose Übertreibung?

«Wir befinden uns bereits am Anfang eines Cyberwars», zeigt sich Volker Roth, der Professor für sichere Identität an der TU Berlin ist, im Dokumentarfilm überzeugt. Von masslosen Übertreibungen westlicher Medien spricht hingegen ein chinesischer Computerexperte, der im Auftrag seiner Regierung arbeitet. Die NSA benötige diese Daten ja nur, um die Menschen zu schützen, ist die Meinung eines Amerikaners. Beunruhigt und ratlos ist hingegen der Geschäftsführer der Ettlinger Stadtwerke, der nun vor der schier unlösbaren Aufgabe steht, sein Netzwerk vor Angriffen zu schützen.

Die Möglichkeiten, einen Gegner durch gezielte Aktionen im Netz zu schwächen, scheinen unbegrenzt. Von der gezielten Betriebsspionage und -sabotage, durch welche man ganze Regionen wirtschaftlich schwächen kann bis hin zur Möglichkeit, ganze Flugeugflotten zum Absturz zu bringen, können sich die Experten in der Dokumentation alles vorstellen. Das Ausmass des Cyberwars sei schlecht einschätzbar, weil man es mit einem unsichtbaren, aber hochqualifizierten Feind zu tun habe, so einer von ihnem. In der Cyber-Verteidigungszentrale der Nato spricht man von 147 Millionen verdächtigen Ereignissen pro Jahr. 2500 davon sollen jeweils schwerwiegend sein.

Der Kampf im Netz um Aufmerksamkeit

Doch nicht nur der Cyberwar steht erst am Anfang. Auch der Dokumentarfilm Netwars ist nur der Beginn eines grossangelegten, crossmedialen Projekts. Dessen Macher wollen nicht nur mittels einer trockenen Dokumentation informieren. Um sämtliche Zielgruppen zu erreichen, ziehen sie alle medial zur Verfügung stehenden Register. Der Trailer zum Projekt geisterst schon länger durchs Netz. Dem Dokumentarfilm folgt eine Graphic Novel-App für diejenigen, welche sich ihr Wissen lieber spielerisch erarbeiten. Ein E-Book-Thriller ist in erster Linie für eine weibliche Zielgruppe gedacht und zum Schluss folgt die sechsteiligen TV-Serie «Netwars – Out of Control» für ein junges Publikum.

Die Graphic-Novel-App zielt auf Jungs bis 40, die gerne spielen.

Man habe neue Wege beschreiten wollen und müssen, sagten die Projektverantwortlichen an der Leipziger Buchmesse, wo sie ihr crossmediales Projekt vorstellten. Denn Netwars steht nicht nur für den Krieg um Daten im Netz, sondern auch für den Kampf der Medienbranche um Aufmerksamkeit und Konsumenten. Auch diese Branche wird durch das Internet durcheinandergewirbelt. Für herkömmliche Filmformate lassen sich nur noch schwer Produktionspartner und Geldgeber finden. Diese Erfahrung musste auch die mehrfach preisgekrönte «Netwars»-Produzentin und Journalistin Saskia Kress machen. Der Buchhandel ringt noch um den richtigen Umgang mit den vielfältigen Möglichkeiten der neuen Medien. Dies ist einer der Gründe, weshalb sich der Bastei Lübbe-Verlag entschieden hat, als Partner in das Projekt einzusteigen und sowohl das E-Book, wie auch Graphic-Novel-App zu verlegen. Denn Netwars ist ein grossangelegter Versuch, bei dem die Macher aus allen Kanonen auf sämtliche Zielgruppen schiessen.

Monika Schubarth
Erschinen im Digital-Blog von www.landbote.ch

Weitere Informationen zu Netwars: www.netwars-project.com

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