Lena Andersson, Widerrechtliche Inbesitznahme, Luchterhand Literaturverlag

Die dunkle Seite der Liebe – über Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson

Published by

Posted on Mai 06, 2015

Über die Liebe schreiben, ohne dabei langweilig oder trivial zu werden, ist eine hohe Kunst. Die schwedische Autorin Lena Andersson kann das. „Widerrechtliche Inbesitznahme“ ist der Titel ihres Romans, in welchem die Protagnositin Ester vorübergehend ihre Selbstbestimmung und die Kontrolle über das eigene Leben verliert. Hals über Kopf hat sich die grundsätzlich pragmatisch und gut durchorganisierte Ester Nilsson in den wesentlich älteren prominenten Künstler Hug Rath verliebt, über den sie einen Vortrag halten soll. Die Beziehung zu ihrem Freund beendet sie wenige Wochen später, nicht ohne diesem dabei das Herz zu brechen, was Ester jedoch wenig interessiert.

„Dreizehn Jahre lebte sie nun schon so, mehr als die Hälfte dieser Zeit in einer ausgeglichenen, harmonischer Beziehung zu einem Mann, der sie in Ruhe liess und ihre physischen und mentalen Bedürfnisse befriedigte. Dann kam ein Anruf.“

Der angebetete Hugo nimmt Esters Aufmerksamkeiten entgegen, erwiedert diese soviel wie eben notwendig ist, um den Hunger der jungen Frau am Leben zu halten. Seine Fernbeziehung verschweigt er ihr, ohne je über sie lügen zu müssen. Ester ahnt zwar von der Existenz der Anderen, will den Geliebten aber nicht mit Fragen erschrecken, ihm Raum lassen. Es kommt zum sexuellen Kontakt, Hugo zieht sich zurück, Ester bleibt dran. Sie hält an einer Liebe fest, die sie unglücklich macht und sich von ihr selber entfremdet. Sie analysiert jeden ihrer Handlungen, gängelt sich für jeden begangenen Fehltritt, klammert sich an jeden Funken Hoffnung, den sie erahnen kann.

„Hugo bezog sich nie auf das, was Ester gesagt hatte. Ester bezog sich immer auf das, was Hugo gesagt hatte. Sie interessierten sich beide nicht sonderliche für Ester, aber sie interessierten sich beide sehr für Hugo. Ester registrierte in Gedanken dieses Fehlen von Neugier und Grosszügigkeit, liess ihre Hingabe davon aber nicht beeinflussen.“

„Die einzige Waffe der Liebenden ist, mit Lieben aufzuhören. So peinlich und erstickend die Liebe auch von ihrem Gegenstand erlebt worden sein mag, es stört doch, sie zu verlieren, auch wenn der Gegenstand sie nie erwiedern wollte.“

Lena Andersson beobachtet in ihrem Buch das Gefühl der unerwiederten Liebe, analysiert und seziert es. Doch so hässlich die Fratzen manchmal sind, die einem das hochgelobte Gefühl der Liebe in diesem Buch zeigt, nie wird Andersson dabei bitter oder zynisch. Immer behalten die Protagonisten ihre Würde. Niemand verliert in „Widerrechtliche Inbesitznahme“ sein Gesicht, ob Verlassende, Verlassener, Betrüger oder Betrogene. Sie alle verhalten sich im Auge ihres Gegenübers komplett falsch. Sie sind geozentrisch, anstrengend, besitzergreifend und herzlos. Und doch hält man beim Lesen zu jedem einzelnen der Protagonisten, denn jede dieser Rolle kennt man aus dem eigenen Leben.

„Wenn man liebt und in seiner Liebe geborgen ist, fühlt sich der Körper leicht an. Ist das Gegenteil der Fall, wird ein Kilo zu dreien. Beginnende Liebe tanzt auf Messers Schneide.“

„Wiederrechtliche Inbesitznahme“ erinnert beim Lesen an die Spiegelbilder, welche das Leben und die Liebe einem gelegentlich entgegenhalten und die man so nie sehen wollte. Es ist ein Trostbuch für alle, die sich schon einmal im Namen der Liebe seltsam verhalten haben, randvoll mit präzisen Beobachtungen über das merkwürdige Verhalten der unglücklich Liebenden, die Andersson und ihre Übersetzerin in wundervollen Sätzen festgehalten haben.

Lena Andersson, Widerrechtliche Inbesitznahme, Luchterhand Literaturverlag 2015

ADD A COMMENT