Kristine Bilkau, Die Glücklichen

Die Sehnsucht nach dem Unperfekten

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Posted on April 05, 2015

Die Glücklichen haben sich eingerichtet, ihr Leben so gestaltet, wie sie es sich immer vorgestellt haben. Sie leben in renoviertem Altbau mitten in Hamburg, führen eine harmonische Beziehung, in welcher sie ihr Kind gemeinsam grossziehen und gehen ihren Traumberufen nach. Die Berufsmusikerin Isabell arbeitet als Cellistin im Orchestergraben einer Musical-Produktion, Georg, der Journalist, als Redakteur im Gesellschaftsbund einer grossen Tageszeitung.

Doch das Glück ist konstruiert und zerbrelich, als wäre es ein Kartenhaus, das gnadenlos in sich zusammenfällt, sobald man nur eine einzige Karte herauszieht. Als wären Dinkelkekse, Vegieaufstrich und Apfelschorle die tragenden Wände eines ausgeglichenen Lebens. Der Druck auf Isabell ist übergross. Da sind die anderen Mütter, die sich nachmittags makellos und unverwüstbar in den Hamburger Cafés präsentieren. Da sind das Alter und die Einsamtkeit der schrulligen Schwiegermutter, die Isabell bei jedem Besuch daran erinnert, wie sie auf gar keinen Fall werden will. Da sind die Grabenkämpfe im Orchestergraben, in welchem Isabell Abend für Abend arbeitet. Und da ist der Arm der Cellistin, der ihr einfach nicht mehr gehorchen will.

Auch Georg wird vom Schicksal nicht verschont. Seine Zeitung soll verkauft werden. Wochenlang halten sich die Gerüchte, bis sie von den Vorgesetzten bestätigt werden. Ein halbes Jahr später stehen beide ohne Job da. Isabells Zittern wird zu einer Angst vor Auftritten, die sie bald nicht mehr kontrollieren kann. Die wenigen Gelegenheiten, die sich zum Vorspielen ergeben, lässt sie verstreichen, indem sie sich sich auf dem Klo einschliesst. Über ihr Zittern reden kann sie nicht, nur über Schmerzen in der Schulter klagt sie. Mehr und mehr zieht sie sich in sich selbst zurück, kreiert eine heile Welt, in der sie sich gelegentlich Dinge gönnt, die eigentlich viel zu teuer für ihre momentane Situation sind. Georg dagegen wird von Existenzängsten förmlich überrollt. Er spart an allen Ecken und Enden, überlegt sich, auszusteigen und auf Selbstversorgung umzustellen oder in eine Kleinstadt zu ziehen, wo es noch günstige Wohnungen gibt. Immer mehr entfremdet sich das Paar. Dabei haben beide die selbe Sehnsucht nach dem Recht darauf, Fehler zu machen.

„Sie muss annehmen, ich hätte meine Träume verraten, denkt Isabell, hätte mich nicht genug angestrengt; aber es muss doch auch in Ordnung sein, etwas nicht geschafft zu haben.“

Voller Scham vergleichen sich die Beiden mit ihren Freunden und Bekannten, scannen diese nach Gesten des Mitleids und der Überheblichkeit ab. Auch hier werden die Gräben tiefer, denn Georgs Kollegen, welchen zusammen mit ihm gekündigt worden ist, finden einer nach dem andern neue Stellen. Aus Angst, als Letzter ohne Arbeit dazustehen, zieht sich Georg vor den Anderen zurück.

Erst der Tod von Georgs Mutter lässt das Paar wieder zusammenrücken und ihre Sprachlosigkeit überwinden. Den Entscheid, das Erbe anzutreten, fällen sie gemeinsam. Es ist ein Erbe, das ihnen eine zusätzliche finanzielle Last aufbürdet. Denn nun muss Georg auch noch einen Kredit fertig abbezahlen, den sein Vater vor Jahren aufgenommen hat, um seinem Sohn eine akademische Laufbahn zu ermöglichen und somit eine gesicherte Zukunft zu bieten.

„Eigentlich hätte ich längst in der Lage sein sollen, uns hier etwas anständiges zu kaufen.“

Die Glücklichen spiegelt eine Generation wieder, die in der Gewissheit aufgewachsen ist, dass alles möglich sei. Nie mussten die heutigen 30-Jährigen unter Hunger leiden und ihre Eltern haben ihnen vorgelebt, wie man mit Fleiss und unermüdlichem Einsatz zu Wohlstand kommt und diesen vermehrt. Arbeistlosigkeit und Scheitern sind in ihrer Erziehung nicht vorgekommen. Aufwärts sollte es gehen. Doch bereits Georgs Vater musste am Ende seiner beruflichen Laufbahn feststellen, dass seine treue Kundschaft nach 50 Jahren wegbleibt, wenn ein Discounter die Ware viel billiger anbietet. Sein Schicksal sollte kein Einzelfall bleiben, Wirtschaft und Kunden wurden je länger je kühler und berechnender. „Das muss Ihnen auch klar gewesen sein“, sagt der Berater der Chefredaktion, als er die Mitarbeiter über die neuen Besitzverhältnisse und bevorstehende Veränderungen informiert und gibt damit den Ball der Verantwortung an die Belegschaft ab.

„Als wäre die Tatsache, dass sie hier arbeiten, dass sie auf eine Perspektive hoffen und nun im Ungewissen hier sitzen, ihr eigener dummer Fehler.“

Kristine Bilkau, Die Glücklichen, Luchterhand 2015

 

 

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