Kevin McAleer, Surferboy

Der wilde Wellenritt zu sich selbst

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Posted on März 29, 2015

Die perfekte Welle ist ein rares Gut, sie zu reiten der Traum eines jeden Surfers. Um so ein Surfer zu werden, gibt Steve in den letzten drei Jahren seiner Collegezeit alles. Der Weg dorthin ist steinig. Denn die Surfer in Los Angeles leben in einer Art Parallelwelt. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Anfänger werden ausgebremst und über den Tisch gezogen, Frauen sind dazu da, um am Strand auf den Autoschlüssel ihres surfenden Freunde auf zu passen. Dass sich dafür nur die Schönsten der Schönen qualifizieren, versteht sich von selbst.

Für die Surfer in Kevin McAleers „Surferboy“ bedeutet ihr Sport die ganze Welt. „Ein Surfer ist ein Typ, der surft, und zwar ausschliesslich.“, bringt Steves Freund Jim es auf den Punkt. Gemeinsam versuchen die Beiden, die Welt der Wellen zu erobern und in ihr zu bestehen. Doch ihre Freundschaft ist zerbrechlich. Denn getrieben vom Wunsch, dazuzugehören, schämen sich die beiden Anfänger auch immer wieder für einander und verraten einander gegenseitig, um selber besser dazustehen. Der Gruppendruck in dieser Welt, in der es eigentlich vor Individualisten nur so strotzt, ist enorm. Den richtigen Musikgeschmack zu haben ist ebenso elementar, wie das richtige Auto zu fahren oder ein Mädchen zu daten, um welches die anderen Jungs einen beneiden.

Zum endgültigen Bruch der Freundschaft zwischen Steve und Jim kommt es gegen Ende von Steves Surferzeit, als er den Freund in Verdacht hat, ihm während eines Wellenritts absichtlich das Bord in den Rücken gerammt zu haben. Die Monate davor verbrachte Jim auf Hawai, von wo seine Familie stammt. Dort wuchs in ihm die Überzeugung, dass seine Heimat die Wiege des Surfens sei und somit nur echte Hawaianer wirklicht berechtigt seien, zu surfen.

„Nordirland, der Nahe Osten und die Strände Südkaliforniens: drei konfliktgeschüttelte Krisengebiete, in denen gewaltsame Territorialkämpfe loderten.“

Die machohaften Kämpfe um die beste Welle mögen lächerlich wirken, doch wenn der Autor beschreibt, wie weit die Wege sind, die seine Protagonisten zurücklegen, um gute Wasserverhältnisse zu finden, nur, um dann auf hunderte von anderen Surfern zu stossen, welche genauso weit gefahren sind, versteht man, dass die Natur hier sparsam mit einem heiss begehrten Gut umgeht. Und man beginnt zu ahnen, wie sehr sich die Jungs am Ufer danach sehnen, aufrecht über die Welle zu flitzen.

Steve bleibt einer von denen, die dem Ärger aus dem Weg gehen. Zwar lässt er sich auf ein, zwei Schlägereien ein, um zu seinem Recht im Wasser zu kommen. Doch er gehört weder zu den ganz Coolen, noch ist er ein Local, die quasi von Geburt mehr Anspruch auf die Wellen haben. Als zurückhaltender Typ muss er sich mit den Resten, die ihm die Anderen übrig lassen, zufriedengeben.

„Ich wäre gerne wie die Jungs gewesen. Sie erinnerten mich an junge Labradore – übermütige, unverwüstliche Labradore, die allem hinterherjagen, was sich bewegt, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, die auf die Strasse stürzen und fast angefahren werden und dann, nach einer kurzen Schreckseckunde dem Ball weiter nachjagen, unberührt von irgendwelchen traurigen Einsichten und mit derselben, durch stupide animalische Energie gespeiste Lebenskraft wie zuvor.“

Kevin McAleers Buch ist mehr als ein Roman übers Surfen. Es ist eine Art Sachbuch, welches sich als Ich-Erzählung tarnt. Der Autor packt ein Wissen über die Surferszene in seine Geschichte, die in den 70er-Jahren spielt, in einer Zeit, in welcher den Jungs keine Handys und keine Online-Windberichte zur Verfügung standen. Und doch ist es ein Entwicklungsroman, in welchem ein unsicherer Junge für sich herausfinden muss, was ihm wichtig ist. Sein Brett verschenkt er am Ende der Geschichte. Jetzt, wo er alt genug wäre, um endlich ans Meer zu ziehen, entscheidet er sich für einen Studienplatz im Landesinnern.

surferboyKevin McAleer, Surferboy, Mare Buchverlag 2015
978-3-86648-222-7

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