Karl Ove Knausgard, Sterben

Eine Kampfansage ans Leben – Sterben von Karl Ove Knausgard

Published by

Posted on Januar 14, 2015

In einer Welt, in der wir von PR- und Selbstmarketingsspezialisten eingehämmert bekommen, dass nur die guten Seiten in uns Zählen, predigt Knausgard das krasse Gegenteil – und trifft damit offensichtlich einen Nerv. Fast 600 Seiten voller Selbstzweifel legt der Autor vor, in welchen er mit grausamer Konsequenz und gnadenlos mit sich ins Gericht geht.

Über allem schwebt der Schatten des Vaters, dessen Strenge und mangelndes Einfühlungsvermögen dem Autor als Kind das Leben zum Spiessrutenlauf gemacht hat. Und dessen Sterben in Knausgard in erster Linie Erleichterung, in zweiter die Hoffnung auf etwas Erbe ausgelöst hat. Der Gedanke, dass der Vater gar nicht wirklich tot sein könnte, versetzt Knausgard und dessen Bruder in Panik, während die Beiden das Haus der Verstorbenen säubern und erst der Anblick des Leichnams verschafft ihnen Gewissheit und auch etwas Erleichterung. Doch über allem schwebt auch Trauer und bei Karl Ove Knausgard fliessen die Tränen in Strömen, während er das Haus seiner Grossmutter, in welchem sich der Vater während der letzten Jahren verschanzt hat, vom gröbsten Unrat befreit: denn der Vater hat seine letzten Jahre als Alkoholiker verbracht und gemeinsam mit seiner Mutter in ihrem Haus gelebt, welches beim Eintreffen der Söhnen von oben bis unten mit leeren Flaschen, Kot und verschimmelten Kleidern und Essensresten zugemüllt ist. Der gestrenge Mann, der während er seine Söhne erziehen musste auch Korrektheit achtete und seinen Kindern nicht das kleinste Vergehen durchgehen liess, gab seinem Leben nach vermeintlich vollendeter Vaterpflicht eine neue Richtung, liess sich scheiden, heiratete neu und gab sich fortan seinem Suff hin.

Erkenntnis aus der Einsamkeit

Derweil musste sich der immer noch adoleszente Autor seinen Weg ins Erwachsenenleben selber suchen. Der grosse Bruder wurde zum Vorbild, dem alles zu gelingen schien, während Karl Ove sich schwer tat, seinen eigenen Platz im Leben zu finde. Gross war seine Unsicherheit und das Hadern mit den vermeintlichen Unzulänglichkeiten. So sehr, dass er ständig neben sich zu stehen schien, um sein Verhalten zu kontrollieren und sich unter Menschen nie wirklich entspannen konnte. In der daraus resultierenden Flucht in die Einsamkeit erkannte er Ähnlichkeiten mit dem Vater, ebenfalls darin, dass er später selber nicht immer der perfekte Vater und Ehemann sein sollte, im Gegensatz zum Bruder, der im Umgang mit seinen Kindern nie an Geduld und Souveränität einbüsste.

Doch woher nimmt einer, der so dermassen von Selbstzweifeln gequält wird, wie Knausgard den Mut zu einem solch schonungslosen Selbstporträt, wie er es in „Sterben“ tut? Die Antwort gibt der Autor im Buch selber. Sein Hadern beschränke sich auf die kleinen Dinge. Daran, dass er das Zeug dazu habe, etwas Grosses zu schaffen, habe er nie gezweifelt. Er habe immer gewusst, dass das entsprechende Rüstzeug in ihm stecke. Den richtigen Kanal dafür zu finden, war allerdings zu Beginn wohl nicht ganz einfach. Ursprünglich sollte die Musik das kreative Ventil sein, doch sei er nie über das blosse spielen von Noten hinausgekommen um sich musikalisch auszudrücken.

Radikal im Negativen

Doch auch der Wunsch zur Provokation dürfte ein Grund für die radikale Haltung sich selber und seinem Vater gegenüber sein. Nie hätte Knausgards Buch eine so starke Wirkung haben können, würde er weniger streng mit sich ins Gericht gehen. Dabei kehrt er einfach nur das Rezept um, welches Coaching-Gurus ihren Klienten mit auf den Weg geben: statt nur die positiven Seiten von sich zu betonen, lässt Knausgard in „Sterben“ die Welt ausschliesslich seine Wunden sehen. Seine Erfolge bei Mädchen oder die Erlebnisse als Spieler der A-Jugend erwähnt er zwar kurz, relativiert sie aber sofort mit Hinweisen darauf, dass er nur durch Täuschungsmanöver dazu gekommen sei. Doch obwohl seine Konsequenz im Negativen manchmal etwas anstrengend wird, bemüht wirkt sie nicht, was wohl der Dichte seiner Erzählkunst zu verdanken ist.

„Min Kamp 1“ ist der Titel der norwegischen Originalausgabe und dass der nicht 1:1 ins Deutsche übersetzt werden kann, versteht sich von selber. Dass der Autor beim Schreiben einen Kampf ausficht, ist nicht zu übersehen und auch für den Leser wird es gelegentlich quälend, wenn Knausgard ihm mit seinen gnadenlosen Selbstanalysen einen Spiegel vors Gesicht hält und mit der Strenge und Unerbittlichkeit, die ihn wohl einst sein Vater gelehrt hat, auf die Unverzeihbarkeit gewisser Taten hinweist. Und doch will man nicht wegsehen. Gleich mit dem ersten Satz zieht Knausgard den Leser in seinen Bann. Denn: „Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann.“

Bisher sind vier von insgesamt sechs Bänden ins Deutsche übersetzt worden: „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“.

ADD A COMMENT