Hexe, Floh und Werber

Published by

Posted on August 04, 2014

Es ist ein Buch wie ein Erdbeben. Die Vielschichtigkeit dieses Romans ist schwer zu beschreiben. Er erzählt die Geschichten von zwei ewig lebenden russischen Hexen, die es nach Paris verschlagen hat, die eines Komissars, der von einer der beiden Hexen in einen Floh verwandelt worden ist und nun in dessen Gestalt weiterermittelt, die eines verschupften Amerikanischen Werbers, der in der Pariser Niederlassung arbeitet, um für die CIA europäische Kunden auszuspionieren. Schwarze Jazzmusiker, russische Schläger und korrupte Beamte geben einander in Baba Jaga die sprichwörtliche Klinke in die Hand, während ein in eine Ratte verwandelte abtrünniger Priester als Wirt für den Floh dient, der ein eigentlich Polizist wäre. Dessen Ermittlungen wurden übrigens ausgelöst durch den Mord an einem reichen Pariser Bürgers, dessen Mätresse seiner überdrüssig geworden war und ihn deshalb in zwei Meter Höhe auf einem spitzen Zaunpfahl aufspiesste.

Baba Jaga ist wie einer dieser Träume, aus denen man aufwacht mit dem Gefühl, etwas Grosses gesehen zu haben, etwas, das einem der Weisheit näher bringt, das einem aber kurz nach dem Aufwachen entschlüpft. Am Ende der Geschichte erwacht man und findet keine Worte, um das Gelesene eingermassen nachvollziehbar wiederzugeben. Dem Autor hingegen ist das mühelos gelungen. Stringent und flüssig erzählt er seine Geschichte, beinahe nachlässig beschreibt er die Ungeheurlichkeiten, denen sich die Protagonisten auf über 500 Seiten gegenüberstehen. Nichts scheint dem Leser während der Lektüre logischer, als dass Kommissare in Flöhe verzaubert werden, wenn sie sich mit Hexen einlassen.

Genau wie ein Traum streift Toby Barlow mit seinem Roman vieles nur nachlässig. „Da war doch was, das ist doch hochaktuell“, denkt man sich beim Lesen, wenn der amerikanische Werber in Paris im Auftrag der CIA seine europäischen Grosskunden ausspioniert. Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt aber kaum, denn nur wenige Seiten weiter befindet man sich in einem Russland aus fernen Zeiten und erfährt die Vorgeschichte der uralten Hexe, die in wenigen Jahren sechs Kinder gebar, von denen aber nur drei überlebten. Die Mädchen wurden vom Vater kurz nach der Geburt entsorgt. Etwas viel will der Autor manchmal erzählen und so bleibt er auch bei etlichen seiner Protagonisten etwas an der Oberfläche. Jede Figur, und sei sie noch so schräg, bekommt ihre Geschichte und diese Geschichte macht Sinn und wird mit diejenige der anderen Gestalten so verwoben, dass daraus ein Teppich entsteht, in dem alles zusammenpasst und aufeinander abgestimmt ist. Doch gerade die Nebenfiguren, kommen gelegentlich etwas zu kurz und werden rasch wieder vergessen. Tauchen sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder in der Geschichte auf, fällt des beim Lesen schwer, sich an ihre Rolle zu erinnern.

Baba Jaga besticht durch sein Cover und schreckt durch seinen Umfang ab. Doch einmal in der Geschichte drin, ist letzteres kein Problem mehr, denn man möchte ohne hin nicht, dass dieses wahrlich zauberhaft Buch jemals wieder endet. Es geht um den ältesten und einfachsten Fluch der Welt: Manche mögen ihn Liebe nennen. Ist es Zufall, dass sich die schöne Hexe ausgerechnet in einen Werber verliebt, einer, der locken und verführen will und der die grosse Kunst des Lockens und Verführens so beherrscht, wie es nur sehr gute Hexen tun?

Toby Barlow, Baba Jage, Atlantik Bücher bei Hoffman und Campe

 

ADD A COMMENT