Irritierend, ruhig, gut – Philippe Djian

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Posted on Dezember 26, 2014

Michèle, die Protagonistin aus Philippe Djans neustem Roman „Oh…“ hat ihr Leben fest im Griff. Die erfolgreiche Filmproduzentin lebt allein in einem grossen Haus. Ihr Umfeld ist klein und überschaubar und wird von Michèle an der kurzen Leine gehalten. Da ist ihr Ex-Mann, von dem natürlich sie sich getrennt hat und der unbedingt möchte, dass sie sein Drehbuch produziert, was sie ihm mit grausam vorgebrachten Gegenargumenten verweigert. Für ihre Mutter Irène, deren Anwesenheit sie zum Wahnsinn treibt, hat sie eine Wohnung gemietet, für deren Miete sie Monat für Monat aufkommt. Und ihren Sohn Vincent hält Michèle für wenig überlebensfähig. Nur ihre einzige Freundin und Vorgesetzte Anne könnte Michèle das Wasser reichen, wenn da nicht die heimliche Affäre zwischen Michèle und Annes Ehemann Robert wäre.

Djians Roman spielt während der wenigen Monate, in denen Michèles durchorganisiertes Leben aus den Fugen gerät. Der Ex-Mann hat eine neue Freundin, die nicht in das von Michèle definierte Beuteschema passt. Die Frau ist nicht nur gutaussehend und im gebärfähigen Alter, sondern verhilft Richard auch noch zu einem Termin bei einer konkurrierenden Produktionsfirma, wo er sein Drehbuch vorstellen darf. Die Mutter will ihren viel jüngeren Liebhaber heiraten und der Sohn anerkennt die Vaterschaft für ein Kind, das nicht von ihm ist. Michèle hat alle Hände voll zu tun. Der Mutter verbietet sie die Ehe kurzerhand, dem Sohn versucht sie die Beziehung zu Frau und Kind auszureden. Auf die neue Freundin des Mannes reagiert sie, indem sie diese zur familiären Vorweihnachtsfeier einlädt, noch bevor ihr Ex-Mann sich zu der neuen Frau in seinem Leben bekennen kann.

In der gleichen Zeit passiert es auch, dass Michèle in ihrem eigenen Haus überfallen und vergewaltigt wird. Auch darauf reagiert sie auf ihre ureigene Art. Nachdem sie herausgefunden hat, wer der Täter ist, lässt sie sich mit diesem auf eine bizarre Sexaffäre ein. Die Beiden inszenieren Vergewaltigungen, die ihm zur Lust verhelfen. Doch auch Michèle tun sie auf eigentümliche Weise gut. Denn bei den Kämpfen, welche die Beiden ausfechten, kann sie die riesige Wut herausschreien, die sich in ihr angestaut hat. Die Wut auf die Mutter und ihren neuen Liebhaber, diejenige auf den Sohn, der sein Leben nicht nach ihren Wünschen lebt und die auf den Ex-Mann, der durch seine falsche Reaktion auf die von ihr ausgesprochene Trennung verhindert hat, dass die Beiden als Paar wieder zusammenfinden können. Doch über allem schwebt eine noch viel grössere Wut: die auf den Vater, der seit dreissig Jahren im Gefängnis sitzt weil er mit der Tat eines Wahnsinnigen dafür gesorgt hat, dass das Leben seiner damals 16-jährigen Tochter für mehrere Jahre so komplett ausser Kontrolle gerät, dass diese ihr Studium abbrechen muss und sich nicht mehr auf die Strasse getraut.

Philippe Djian ist nicht mehr der Draufgänger wie zu Zeiten von Betty Blue. Geblieben ist ihm aber offensichtlich seine Faszination für Frauen, die am Abgrund stehen. Subtil beschreibt er seine Hauptfigur, die durch seine Feder von einer kalten und harten Frau zu einer zerbrechlichen Person wird, die alles tut, um ihre Lieben zu schützen, obwohl diese nichts davon erfahren dürfen. Zu einer liebenswerten Person wird Michèle im Laufe des Romans trotzdem nicht. Aber zu einer, die Respekt für ihre Art zu leben verdient.

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