Ist das Buch Ware oder Kulturgut?

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Posted on Februar 24, 2012

Zwei Frauen, beide leben von Büchern. Marianne Sax, Buchhändlerin und Präsidentin des Branchenverbands, spricht sich für die Buchpreisbindung aus. Verlegerin Anne Rüffer dagegen. Ein Streitgespräch anlässlich der Eidgenössischen Volksabstimmung über die Abschaffung der Buchpreisbindung in der Schweiz, moderiert von Sabine Arnold und Monika Schubarth.


Anne Rüffer, laut den Befürwortern der Buchpreisbindung soll diese die kleinen Verlage stärken. Weshalb sind ausgerechnet Sie, die zwei kleine Sachbuchverlage führen, dagegen?

Anne Rüffer: Die Buchpreisbindung löst die Probleme der Buchbranche nicht, die meiner Meinung nach eher strukturell bedingt sind. Da wäre zum Beispiel die gnadenlose Überproduktion, sichtbar am 27. Salatbuch, das auf den Markt kommt und niemanden interessiert. Das zweite Problem ist damit verknüpft: Wir bewirtschaften eine Infrastruktur, die für Frischblutkonserven sinnvoll ist. Bei Büchern ist diese viel zu hoch angesetzt und verschlingt zu viel Geld.

Was heisst das genau?

Rüffer: Wenn Sie in einer Buchhandlung nach einem Buch aus einem Schweizer Verlag fragen, lautet die Standardantwort oft: Das haben wir nicht, aber wir können es bis morgen Mittag bestellen.

Was hat das mit der Buchpreisbindung zu tun?

Rüffer: Bücher haben kein Verfalldatum, der Kunde braucht nur in drei Prozent der Fälle das Buch am nächsten Tag. Wir finanzieren aber einen 24-Stunden-Service. Der Ruf nach einer Buchpreisbindung hat eine emotionale Komponente: Wir wollen den Tante-Emma-Laden behalten und kaufen dennoch in der Migros ein. Quartierläden müssen sich wie die Buchhandlungen etwas einfallen lassen.

Marianne Sax: Natürlich hat die Branche andere Probleme. Wir stimmen jetzt aber über die Buchpreisbindung ab. Ich begreife nicht, weshalb Sie dagegen sind, Frau Rüffer. Als Verlegerin sind Sie nach wie vor frei, die Preise festzulegen. Es geht vor allem um die Buchhandlungen. Ich wehre mich gegen den Vorwurf, wir seien nicht innovativ. Aber Innovation ohne Preisbindung besteht allein in den 30-Prozent-Klebern von Ex Libris. Gegen diese Daueraktionen komme ich als Buchhandlung einfach nicht an.

Rüffer: In der Buchbranche findet gar kein echter Handel statt, Bücher sind Kommissionsware. Die Buchhandlungen können uns Verlagen alle unverkauften Bücher wieder zurückschicken. Das ist doch eine geschützte Werkstatt!

Sax: Ich verstehe Ihren Ärger. Aber das ist Teil des Geschäfts und hat nichts mit der Buchpreisbindung zu tun.

Rüffer: Doch. Die Leserinnen und Leser wissen kaum, dass 50 Prozent des Buchpreises an Gross- und Buchhandel gehen. Der Autor erhält 10 Prozent. Dem Verlag bleiben 4 Prozent – das sind bei einem 40-fränkigen Buch noch 1.60 Franken. Damit müssen wir Miete, Lektorat, Marketing und Autorensuche et cetera bezahlen. Sollen wir jetzt nach einem Gesetz verlangen, dass jeder Schweizer monatlich ein Buch bei einem Schweizer Verlag kaufen muss?

Marianne Sax, was hat sich in den fünf Jahren in Ihrer Buchhandlung geändert, seit die Preisbindung gefallen ist?

Sax: Dem Buchhandel geht es schlecht. Ich behaupte nicht, dass alle Probleme mit der Preisbindung zu lösen sind, wirklich nicht. Sie ist aber ein Hilfsmittel, das uns gleich lange Spiesse wie etwa den Deutschen verschafft. Das Thema Buchpreisbindung hat in der Branche beinahe ein Übergewicht erhalten. Das liegt aber auch daran, dass die Diskussion schon lange läuft.

Wurde die Vorlage zur Buchpreisbindung verwässert, weil sich die politische Diskussion so lange hingezogen hat?

Sax: Nein, es ist ein gutes Gesetz, und es ist das Gesetz, das wir wollten. Es gilt für den in- und ausländischen Onlinehandel und für den Sortimentsbuchhandel.

Wie ist eine Preisbindung durchsetzbar, wenn ich zum Beispiel bei amazon.de bestelle?

Sax: Das funktioniert, wie wenn Sie im Internet bei Esprit einen Pulli bestellen. Von einem Schweizer Server aus werden Sie auf esprit.ch umgeleitet, und der Pulli wird Ihnen zum Frankenpreis geliefert.

Rüffer: Glauben Sie, dass sich Amazon daran hält?

Sax: Laut Auskunft des Börsenvereins, ja. Amazon hält sich sonst überall in Europa daran und hat keinen Grund, dies in der Schweiz nicht zu tun. Im schlimmsten Fall müssen wir klagen.

Die E-Books, ein wachsender Zweig in Ihrer Branche, werden im Gesetz ausgeklammert. Das ist ein Schwachpunkt.

Sax: Sie werden nicht ausgeklammert, sie sind einfach noch nicht drin, weil sie 2004 beim Einreichen der Motion noch nicht sehr verbreitet waren. Das Gesetz kann angepasst werden. In Deutschland entschied ein Gericht, dass E-Books auch der Preisbindung unterstehen.

Eines Ihrer aktuellen Bücher, Frau Rüffer, heisst «Schweizer Filmregisseure in Nahaufnahme». Ihr Preis liegt bei 68 Franken. Bei exlibris.ch kann ich es für 54.40 Franken kaufen. Stört Sie das nicht?

Rüffer: Nein, denn unser Ertrag ist bei beiden gleich. Nur wenn ich es direkt verkaufe, bleibt uns mehr.

Ist es als Verlegerin nicht überheblich, auf den Buchhandel zu verzichten?

Rüffer: Das tun wir doch nicht.

Sax: Aber dar auf läuft es doch hinaus.

Rüffer: Weshalb?

Sax: Weil die Buchhandlungen ohne Preisbindung nicht existieren können.

Rüffer: Das glaube ich eben nicht. Auch wenn wir sie wiedereinführen, werden die grossen Buchhandlungen einen Weg finden, sie zu umgehen. Sie können das Rad nicht zurückdrehen.

Sax: Aber dann ist es immerhin ein Gesetz. Selbstverständlich gibt es das Risiko, dass sich einige Player nicht daran halten werden. Aber das ist kein Argument dagegen. Sie können auch innerorts 80 km/h fahren und nicht erwischt werden. Deshalb ist ein Tempolimit dennoch sinnvoll.

Rüffer: Was sagen Sie denn zu den Buchhändlern, die ohne Preisbindung mehr Umsatz machen?

Sax: Ich glaube ihnen nicht. Die Kalkulation ist an sich einfach: Wenn ich auf mein gesamtes Sortiment 10 Prozent Rabatt gebe, muss ich 50 Prozent mehr Umsatz machen. Ich muss also einige Bücher viel teurer verkaufen, wenn ich andere billiger gebe.

Rüffer: Was mir auffällt in dieser Diskussion: Die einen sprechen vom Unternehmertum, die anderen vom Kulturgut, das zu fördern ist. Das ist wie in der Filmbranche. Die Frage ist, ob man sich im freien Markt behaupten kann. Demnächst kommt der Metzger und will auch Schutz vom Staat.

Sax: Der Film erhält aber 40 Millionen Franken jährlich vom Bundesamt für Kultur.

Rüffer: Das Buch erhält 250 Millionen Franken Subventionen.

Sax: Vom Bund bekommt die Buchbranche nichts geschenkt. Sie rechnen den tiefen Mehrwertsteuersatz einfach als Subvention: Diese erhält etwa der Film auch. In Ihrem Betrag sind 165 Millionen Franken für Bibliotheken drin. Das ist jedoch klar eine staatliche Aufgabe und noch keine Verlagsförderung. Zuletzt bleiben 16 Millionen Franken von Gemeinden und Kantonen. Zum Vergleich: Das Stadttheater Bern erhält Subventionen von 20 Millionen Franken. Die Buchpreisbindung ist Förderung ohne einen Steuerfranken.

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