Judith Hermann, Aller Liebe Anfang

Kein Neuanfang für die Liebe – Judith Herrmann, Aller Liebe Anfang

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Posted on Oktober 12, 2014

Wie leicht lässt sich ein Leben zerstören? Was braucht es, um in die Welt einer fremden Person eindringen zu können und diese aus den Fugen zu werfen? Nicht viel. Jedenfalls nicht In Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang“. Doch Mister Pfister, der fremde Mann aus der Nachbarschaft, klingelt nicht nur regelmässig an Stellas Tür, obwohl sie ihm gesagt hat, dass sie sich nicht mit ihm unterhalten will. Mister Pfister klingelt nur dann, wenn Stella allein zu Hause, wenn ihr Mann auf Montage ist. Ist ihr Mann unterwegs, wirft Mister Pfister ihr täglich etwas in den Briefkasten, eine Karte, ein Foto, einen Gegenstand. Mehr tut Mister Pfister nicht. Und doch nimmt er dadurch Einzug in Stellas Leben, in das Leben einer ihm völlig fremden Frau, mit der er sich so gerne unterhalten würde. Denn plötzlich beginnt Stella, ihr Leben von aussen zu betrachten. Sie beobachtet ihr Verhalten, merkt, dass jeder sie beobachten kann, wenn sie, umgeben von ihren Büchern, am grossen Panoramafenster sitzt und liest. Dass jeder sehen kann, dass ihr Mann Jason nur dann zu Hause ist, wenn dessen Wagen vor dem Haus parkiert ist. Fortan zieht Stella sich in die Küche zurück, um zu lesen, doch es fällt ihr schwer, sich auf ein Buch einzulassen. Ihrer kleinen Tochter schärft sie ein, die Tür nicht zu öffnen, wenn jemand klingelt. Der fremde Mann, mit dem Stella sich nicht unterhalten wollte, ist zu jeder Tages- und Nachtzeit da.

„Ich kann mir das schon vorstellen, dass er kein Nein akzeptieren kann, er ist aus der Übung, er hat nicht viel mit anderen Menschen zu tun“, sagt Mister Pfisters Nachbar, den Stella um Rat bittet. Mister Pfister habe früher gut ausgesehen, hätte viele Frauen haben können. Das sei vorbei, es gäbe psychische Probleme, er müsse Medikamente nehmen. Mister Pfister habe sich sein eigenes Weltbild gezimmert, wisse, wie Dinge laufen, seine Vorstellungen seien unveränderbar.  „Mister Pfister ist nicht zu beeindrucken.“ Trotzdem rät der Nachbar Stella, das Gespräch mit Mister Pfister zu suchen. „Man kann mit ihm reden, da bin ich mir sicher. Man kann das.“  Stella nimmt den Rat des Nachbarn an. Am Tag, in dem sie in ihrem Briefkasten einen Zettel mit der Aufschrift „Na, wie ist es, gestalkt zu werden“ findet, fasst sie sich ein Herz und klingelt bei ihrem Verfolger. Der rät ihr, die Polizei um Hilfe zu bitten.

Emphatisch und unaufgeregt nimmt sich Judith Herrmann dem Thema Stalking an. Mister Pfister ist kein blutrünstiges Monster. Er ist ein unheimlicher Typ und benimmt sich seltsam, doch weder lauert er seinem Opfer auf, noch bricht er in dessen Haus ein oder bedroht es tätlich. Das Grauen, das einem beim Lesen eines Krimis packt, bleibt aus. Und doch weist Herrmann mit ihrer ruhigen Sprache und den überlegten Sätzen auf die Dissonanzen hin, welche der Störfaktor von Aussen im Leben ihrer Protagonistin verursacht. Lange Zeit löst allein das stete Darauf-Hinweisen, dass er da ist, in Stella ein Unbehagen aus. Diese setzt ihren Alltag nach aussen hin normal fort. bringt ihr Kind in den Kindergarten und lässt es draussen spielen. Nur das Verbot, an die Tür zu gehen und das Mistrauen gegenüber des neuen Freundes aus dem Kindergarten wirken etwas überspannt und weisen auf den Schatten hin, der sich über die Unbeschwertheit gelegt hat. Nicht das, was Mister Pfister getan hat, ist erschreckend. Erschreckend ist, was er durch sein Handeln aus seinen Opfern gemacht hat. Die Furcht hat sie von Opfern zu Tätern gemacht. Jason, Stellas Mann, versteckt sich eines Nachts im eigenen Haus. Frau und Kind haben sich auf dem Land in Sicherheit gebracht, den Wagen hat er nicht vor dem Haus parkiert. Und genau an diesem Tag verlässt Mister Pfister den Gehsteig, von dem aus er immer bei Stella geklingelt hat. Obwohl es ihm verboten ist, betritt er den Garten und klingelt an der Tür. Dahinter wartet Jason, bewaffnet mit einem Stock. Er schlägt den Stalker seiner Frau damit nieder, lässt in blutend und bewusstlos vor dem Haus liegen.

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