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Posted on Juli 18, 2014

Kriminologin Nadja Capus erklärt, warum privilegierte Menschen wie Rolf Erb zu Wirtschaftskriminellen werden können. Dessen Prozess geht heute vor Obergericht in die nächste Runde. *

Wenn das Obergericht das Urteil des Bezirksgerichts bestätigt, muss Rolf Erb für acht Jahre ins Gefängnis. Ist eine Haftstrafe für Menschen, die so privilegiert leben wir Rolf Erb, besonders schlimm?

Nadja Capus*: Es gibt keine Untersuchungen darüber, ob ein Gefängnisaufenthalt für einen Wirtschaftsdelinquenten schwieriger zu verkraften ist als für einen Strassenkriminellen. Der Freiheizentzug ist für jeden Menschen eine wahnsinnige Beeinträchtigung. Ob man nun auf ein Schloss verzichten muss oder auf eine Mietwohnung spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Wie kommt es, dass jemand mit Erbs wirtschaftlichem Hintergrund kriminell wird und nicht einfach seine Immobilien verkauft, wenn er in finanzielle Schwierigkeiten gerät?

In der Kriminologie gibt es eine Theorie, die sagt, dass Menschen dann kriminell werden, wenn ihre Wünsche ihre Mittel übersteigen. Eine Möglichkeit, dem zu entweichen, ist das Ausweichen auf illegitime Mittel. Offenbar stand Erb unter sehr grossem Druck. Er hatte die Aufgabe, das Imperium, welches sein Vater aufgebaut hatte, weiterzuführen.

Ist diese Ausweichstrategie bei Wirtschaftsdelinquenten typisch?

Für mich ist es das überzeugendste Modell, um das kriminelle Verhalten von Leuten zu beschreiben, die auf wirklich hohem Niveau versuchen, den Status zu wahren. Da geht es um Besitzstandwahrung und darum, nicht absteigen zu müssen.

Aber den selben Druck verspüren doch auch Kleinkriminelle, die sich aus Statusgründen einen Markenpulli klauen.

Natürlich können Menschen aus ganz anderen Schichten und Einkommensklassen unter dem selben Druck stehen. Eigentlich kann man Rolf Erb mit einem Secondo vergleichen. Bei der Zweitgeneration von Einwandererfamilien stellen Studien ein höheres Kriminalitätsaufkommen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung fest. Das wird unter Anderem damit erklärt, dass es für die Eltern noch gut möglich war, in der Schweiz etwas aufzubauen und sich einen gewissen Wohlstand zu erarbeiten. Ihre Kinder wachsen in der Erwartung auf, dass ihnen das auch mindestens so gut gelingen wird. Es ist dann frustrierend zu merken, dass sie das gar nicht erreichen können, weil sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld total verändert hat. Hugo Erb hat sein Imperium während der wirtschaftlichen Boomjahre aufgebaut. Als dann seine Söhne erwachsen waren, hat sich auch da die Zeit geändert. Mit diesem Betrieb weiterhin soviel Geld zu machen, wäre gar mehr nicht möglich gewesen.

Dass man gerne gleich gut oder besser als die Eltern sein möchte, kann wohl jeder nachvollziehen. Aber was braucht es, um bei dem Versuch in die Kriminalität abdriftet?

Eine weitere kriminologische These besagt, dass man kriminelles Verhalten erlernt und für sich selber als normal empfindet. Rolf Erb ist ja in diese Firma hineingeboren worden und hat das Geschäftsgebaren seines Vaters mitbekommen und übernommen. Er selber ist dann einfach noch einen Schritt weiter und damit zu weit gegangen. Dieser Schritt über die Grenzen des Illegalen hinaus ist für Aussenstehende wohl tatsächlich viel grösser, als für Erb selber.

Dann war das Verhalten von Erbs Vater auch schon an der Grenze zur Kriminalität?

Ich will damit Hugo Erb nicht unterstellen, dass er kriminell gehandelt hat. Aber im Geschäftsleben ist Schlaumeierei bis zu einem gewissen Grad erlaubt und es ist üblich, dass man die Regeln zu seinen Gunsten auslegt. Man darf etwas tricksen und beschönigen. Aber man darf nicht betrügen. Das Strafrecht zieht deshalb die Grenze zum Betrug nicht ganz klar. Das macht die Beweisführung auch so schwierig.

Das klingt, als wäre das Ganze ein Spiel.

Bis zu einem gewissen Grad ist es das auch. Zumindest gibt es Regeln. Das Vertrauen ist aber gerade in der Wirtschaft von grosser Bedeutung. Könnte man dem Geschäftspartner nicht mehr vertrauen, müsste alles bis ins Detail reglementiert werden: das Wirtschaftsleben würde unerträglich schwerfällig. Das Strafrecht hilft, ein Minimum an Vertrauen zu gewährleisten. Umgekehrt darf man gerade von kompetenten Geschäftspartnern erwarten, dass sie die Regeln dieses Spiels kennen und sich nicht plump täuschen lassen. Immerhin betrügt erst, wer arglistig vorgeht. Es ist zwar nur Spekulation, aber wenn Erb vorgeworfen wird, Banken und andere Institutionen betrogen zu haben, darf man annehmen, dass er wirklich ganz massiv getäuscht hat.

Heisst das, Erbs Geschäftspartner hätten das Ganze verhindern können, wenn sie etwas genauer hingeschaut hätten?

Vielleicht wird eine der Verteidigungsstrategien vor dem Berufungsgericht dahinzielen: wo keine Arglist, da kein Betrug. Es käme den Steuerzahler teuer zu stehen, wenn Banken blind vertrauen würden und die Strafverfolger deshalb jedem angezeigten Vertrauensbruch nachjagen müssten. Ich glaube nicht, dass man die Banken allzusehr schützen muss. Für sie ist das Ganze auch ein Geschäft. Da darf man schon streng sein. Aber natürlich muss der strafrechtliche Schutz auch für Banken und Geschäftsleute gelten.

*Nadja Capus ist Professorin für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Basel.

Interview: Monika Schubarth

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