Solothurner Literaturtage

Literaturtage ohne Hashtag

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Posted on Mai 17, 2015

„Haben wir die neuen Trends im Literaturbetrieb verschlafen?“ Die Frage, die Beat Mazenauer am Anfang des Podiumgeprächs sinngemäss stellt, ist berechtigt. „Literatur in der (neuen) Öffentlichkeit“ ist der Titel des Gesprächs über Auswirkungen und Chancen des Internets, das Mazenauer anlässlich der Solothurner Literaturtage mit Kathrin Passig und Philipp Theisohn führt. Lesen auf digitalen Geräten, publizieren mit oder ohne Kopierschutz und die neuen Wege in der Literaturkritik, welche das Internet ebnet, sind die Themen, um welche sich die Diskussion dreht.

Nun lebt Kathrin Passig in Berlin, der Stadt, in der sich noch vor einer Woche die crème de la crème der Online-Innovationen auf der re:publica getroffen und ausgetauscht hat. Von Verschlafen kann aus ihrer Sicht deshalb keine Rede sein und entsprechend fällt auch ihre Antwort aus: Das Internet sei ein junges Medium, welches sich in der Entwicklung befinde. Zwar gebe es noch keine definitiven Lösungen, aber der Prozess sei im Gange. Damit hat sich dieses Thema fürs Erste in der Teil der Diskussion erledigt, was sehr schade ist, denn je mehr ich mich mit den Online-Aktivitäten in der Schweizer Literaturszene auseinandersetze, desto stärker bestätigt sich das, was auch mein Verdacht ist: Der digitale Wandel wird total verpennt und in keinster Weise genutzt.

Verbreitete Social-Media-Abstinenz

Bestätigt sehe ich meinen Verdacht unter Anderem in einem ganz banalen Punkt: Die Solothurner Literaturtage rufen zum Podium über den digitalen Wandel, doch selber finden sie in den sozialen Netzwerken kaum statt. Kein einheitlich definierter Hashtag motiviert die digital agierenden Besucher dazu, Eindrücke, Zitate und Bilder des Festivals in die Welt von Twitter und Instagram zu schicken um so kurzentschlossene oder wegen des schlechten Wetters gelangweilte Menschen dazu zu bringen, spontan ihre Nase in den Literaturbetrieb zu stecken. Zwar verfügen die Literaturtage über eine Facebook-Fanseite, die unter dem Jahr ein Bisschen und vor und während des Festivals intensiv betreut wird. Mit knapp 800 Fans ist die Reichweite für so eine prominente Veranstaltung aber gering. (Unter Social-Media-Marketingleuten gilt die Faustregel, dass eine Seite mindestens 1000 Likes benötigt, um marketingtechnisch einigermassen relevant zu werden.) Und natürlich gibt es trotzdem einige beherzte Twitterer, die wahlweise unter #Literatur, #Literaturtage oder #SolothurnerLiteraturtage ihre kurzen Nachrichten verbreiten. Und der Verein Buchowski, welcher die Buchfahrten zwischen Bern und Solothurn organisiert, hat sogar kurz vor der Veranstaltung unter @bbuchowski einen neuen Account eröffnet.

Die Solothurner Literaturtage stehen im Schweizer Literaturbetrieb mit ihren verhaltenen Social-Media-Aktivitäten keineswegs alleine da. Die Affinität des Zielpublikums sei nur gering, die Schweizer Literaturszene ohnehin so klein, dass jeder jeden kenne und zusätzliche Marketingquellen deshalb nicht lohnend, sind die gängigen Argumente aus der Branche. Doch eines sticht bei all diesen Veranstaltungen sofort ins Auge: Die Zahl der Grauhaarigen ist an den Literaturtagen überproportional gut vertreten, was SRF-Redaktor Heini Vogler sogar dazu gebracht hat, einen eigenen Artikel darüber zu verfassen. Dieses Bild ist bei Literaturveranstaltungen in der Schweiz keineswegs ungewöhnlich und führt öfter zu der besorgten Frage, ob denn die jüngere Generation heute gar nicht mehr lese.

Lesen, zwitschern, Bilder posten

Die Antwort darauf ist: doch, die Jüngeren lesen. Nicht wenige von ihnen lesen nicht nur, sondern sie bloggen danach über das Gelesene und tauschen sich in Sozialen Netzwerken darüber aus. Gibt es irgendwo eine Veranstaltung, dann tauchen sie auch gerne auf und informieren die Welt via Twitter darüber, dass sie nun im Zug sässen, unterwegs und aufgeregt seien, posten Bilder von Fahrt und Ankunft auf Instagram, schnappen während der Verantstaltung Zitate auf und schicken diese sofort ins Netz und ein paar Tage später schreiben sie einen längeren Bericht in ihrem Blog darüber. Nur muss man sie dafür erstmal ins Boot holen.

An diesem Auffahrtswochende bleibt es in der Timeline aber (noch) ruhig und hier schliesst sich der Kreis zu der Aussage von Beat Mazenauer meiner Meinung nach: Denn mit den Versuchen der Schweizer Literaturszene, den digitalen Wandel einfach zu ignorieren und solange auszusitzen, bis er sich von selber erledigt, verpasst sie die Chance, jungen literaturinteressierten Menschen eine Plattform zu bieten, wo sie sich online auszutauschen und offline zu treffen können, in einer Art, welche der jüngeren Generation nun mal entspricht. Denn die Frage lautet eben auch: Was tut der Schweizer Literaturbetrieb für die Leseförderung von Menschen zwischen dem ersten Lesealter und der Ergrauung des Haupthaares?

Blick über die Grenze: Handy raus, statt Handy aus

Schon der Blick über die Grenze nach Deutschland zeigt ein völlig anderes Bild. Der grösste Teil der Verlage hat hier fest angstellte Social-Media-Beauftrage eingestellt, die sich aktiv mit ihren Nutzern austauschen, kleine Geschichten über den Verlagalltag erzählen, auf Lesungen ihrer Autoren aufmerksam machen, Fragen beantworten. Regelmässig laden Buchhandlungen, Verlage und Literaturfestivals Twitterer und Blogger zu gut organisierten Führungen ein. „Handy raus, statt Handy aus“ lautet die Devise dieser Veranstaltungen, die sich unter dem Titel „BookupDe“ etabliert haben. Die Teilnehmenden werden dazu aufgefordert, die Twitter-Welt über das BookupDE zu informieren – und sie tun es mit Begeisterung und werden gelesen. Menschen von Anfang 20 bis um die 60 treffen da aufeinander, viele von ihnen führen einen Literaturblog und berichten im Anschluss an das Events ausführlich über ihre Erlebnisse aus der Buchbranche.

An die 1000 Buchblogger führt der Informatiker und Literaturblogger Tobias Zeising in seiner Liste mit deutschsprachigen Buchblogs auf, die er spasseshalber erstellt hat und regelmässig aktualisiert. Längst hat die deutsche Buchbranche von den Bloggern Kenntnis genommen und bindet sie nach und nach mehr in ihre Marketing-Aktivitäten ein. So hat die Leipziger Buchmesse dieses Jahr erstmals eine Bloggerlounge eingerichtet, eine Arbeitsecke mit WLAN, zu welcher nur akkreditierte Blogger zutritt hatten. Bloggerpaten haben den Preis der Leipziger Buchmesse neben den klassischen Medien in diesem Jahr erstmals digital begleitet. Ganz reibungslos war das zwar noch nicht abgelaufen, wie man nachträglich in diversen Blogs nachlesen konnte, aber bei Premieren sind Panne und Missverständnisse nicht unüblich. Begleitet wurde das Ganze von einem riesen Chor von Twitterern. Wochen im Voraus wurden Treffen vereinbart, auf Veranstaltungen aufmerksam gemacht und mitgeteilt, wann man wo zu verweilen gedenke.

Der schüchterne Silberstreifen am Horizont

„Der längste Marsch beginnt mit einem ersten Schritt“ lautet eines meiner (oft vertwitterten) Lieblingszitate. Dass die Solothurner die Zeichen des digitalen Wandels erkannt und sich auf den Weg gemacht haben, zeigt sich schon daran, dass sie eingangs erwähnte Podiumsdiskussion organisiert haben.  Dass sie unterwegs sind, zeigen auch ihre Facebook-Seite (die nah bei den magischen 1000 Likes ist), ihre neue Website, welche auch für mobile Geräte gerüstet ist und die Tatsache, dass das WLAN während der Veranstaltung einwandfrei funktioniert hat. Wir werden sehen, welche Schritte als nächstes folgen.

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