Noch weht kein frischer Wind im neuen Literaturclub

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Posted on Oktober 01, 2014

Passen Fernsehen und Understatement zusammen? Will man wirklich angenehmen und wohlerzogenen Menschen anderthalb Stunden lang zuhören, wenn sie ihre, wie sie immer wieder betonen, subjektiven Meinungen über Bücher sagen. Nur selten sind im gestrigen Literaturclub aus Monologen Disussionen geworden. Verantwortlich für diese war praktisch ausschliesslich Philipp Tingler, der sich rasch als Alphatier hervortat. Pointiert, aber nicht unangenehm. Im Gegenteil. Tinglers Temperament war eine Wohltat. Die Frage, ob er derjenige in der Runde ist, der am meisten von Literatur versteht, bleibt dabei offen. Wie man sich im Fernsehen benimmt weiss er jedoch zweifelsohne am besten.

Dabei kann man Diskussionsleiterin Nicola Steiner in ihrer Zurückhaltung durchaus verstehen. Denn eins ist klar: eine Sendung zu übernehmen, nachdem der vorherige Gesprächsleiter wegen eines Eclats geschasst worden ist, ist keine leichte Aufgabe. Steiners bescheidene Art des Auftretens ist nach den peinlichen Gockelkämpfen, die sich ihr Vorgänger Stefan Zweifel regelmässig mit der leidenschaftlichen Mitdiskutiererin Elke Heidenreich geliefert hat, zunächst auch eine wahre Wohltat. Doch leider beginnt diese Bescheidenheit nach kurzer Zeit zu langweilen, denn auch Christine Lötscher und Julian Schütt fallen als Diskussionsteilnehmer in erster Linie durch ihre guten Manieren auf. Dabei wüsste man als Zuschauerin gerne, was ausgerechnet diese Menschen dazu qualifiziert, vor der ganzen Nation über Literatur zu diskutieren. Doch die Vorstellung dieser Protagonisten fällt äusserst spartanisch aus. Der Name und zwei Begriffe zur Tätigkeit der jeweiligen Kritiker werden zu Beginn der Sendung kurz genannt, und zack, schon wendet man sich dem ersten Buch zu. Dies ist zwar eine schöne Geste gegenüber der Literatur, der man dadurch den gesamten Raum der Sendung zugesteht. Doch Fernsehen bedeutet immer auch Entertainment und Leidenschaft und beides kommt in der neuen Runde des Literaturclubs etwas zu kurz.

Wer andere Menschen zum Lesen bringen will, muss für Bücher brennen das so übermitteln, dass das Publikum versteht, was gemeint ist. Denn Lesen ist mehr, als sich den Inhalt eines Buches zu merken. Nicht das, was man vor der Lektüre eines Buches bereits gewusst hat, ist wichtig, sondern wohin das Buch einem während des Lesens gebracht hat. Literatur eröffnet neue Welten, macht Neugierig, regt zum Träumen an und setzt Gefühle frei. Nicht immer muss es sich dabei um Begeisterung handeln, manche Texte empfindet man schlichtweg als Zumutung. Aber ein Kritiker sollte über genügend Mut und Selbstvertrauen verfügen, um zu dem zu stehen, was ein Buch aus ihm gemacht hat. Wenn das Medium eines Kritikers das Fernsehen ist und die Runde live vor Publikum diskutiert, dann muss er seinen Job halt in diesem Rahmen ausüben. Philipp Tingler ist das gelungen. Elke Heidenreich kann es auch. In der nächsten Sendung werden diese Beiden in der Diskussionsrunde sitzen. Wenn Nicola Steiner es schafft, diese Diskussion aktiv zu leiten und das dritte Mitglied mit ins Boot zu hieven, macht sie einen guten Job und aus dem ewigen Sorgenkind Literaturclub eine spannende Sache werden.

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