Ran ans eBook

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Posted on September 02, 2014

Mit eBooks geht es mir wohl wie dein meisten Menschen: Ich stehe ihnen höchst ambivalent gegenüber. Zwar bin ich technischen Entwicklungen gegenüber neugierig und aufgeschlossen. Und doch traue ich dem Braten noch nicht ganz. Das macht das eBook-Kaufen und das eBook-Lesen zu einem höchst abenteuerlichen Unterfangen. Und bringt viele Erfolgserlebnisse mit sich. Gross war zum Beispiel die Freude darüber, dass der Upload des Buches vom Shop im Internet in die Cloud und der Download von der Cloud in den Reader einwandfrei funktionierte. Kein Irrtum bei der Zustellung des gewünschten Textes war passiert, der Buchstabenlieferant hatte meine Bestellung nicht versehentlich bei der benachbarten Wolke abgelifert. Überhaupt sind Clouds sind etwas höchst dubioses. Wolken gehören in den Himmel, gelegentlich weinen sie, dann wird alles Nass und wenn wir jemanden vermissen und nicht wissen, wo er nach seinem Tod hingegangen ist, stellen wir uns einfach vor, er sitze als Engel auf einer Wolke herum.

Doch auch nachdem ich die Herausforderungen von Up- und Download gemeistert habe fühlte ich mich beim Lesen zu Beginn ein Bisschen wie eine Touristin, die sich hilfos in einer fremden Stadt zu orientieren beginnt. Vertraute Rituale sind nicht möglich. Zum Beispiel habe ich keine Ahnung, wie dick denn nun das Buch ist, das ich gerade lese. 313 Seiten sind es im Reader, aber die Schrift ist eher gross und die Lesefläche eher klein. Herauszufinden, dass diese Seitenzahl derjenigen im gedruckten Buch entspricht und ich im Reader drei Mal blättern muss, um auf die nächste Seite zu gelangen, hat etwas gedauert.

Irritierende fand ich auch die Ordnung, die der Ebook-Reader mit sich bringt. Ist das Buch erstmals zu Seite gelegt, erinnert nichts mehr an seine Existenz. Nur der Tolino liegt noch rum und schlummert von sich hin. Doch kein bunter SUB liegt neben dem Bett oder auf dem Coutchtisch, um mich fröhlich und farbig an all die ungelesenen Seiten zu erinnern. Dabei gibt es im Tolino bestimmt irgend eine Funktion, die mir ausrechnet, wieviele Seiten derzeit noch ungelesen in meiner Bibliothek liegen. Schliesslich messen andere Reader, wie der Kindle, sogar das Lesetempo und teilen den Nutzern mit, wie lange Sie noch an ihrem Buch haben werden. Die gläserne Leserin also, deren Lektüre statistisch auswertbar wird. (Ein grässlicher Trend, by the Way, denn was geanu sagt mein Lesetempo darüber aus, wie weit ein Buch mich verändert, meinen Horizont erweitert und mich dazu bringt, mir Fragen zu stellen oder zu beantworten?)

Doch all den technischen und statistischen Argumenten zum Trotz: Ein Ebook zu lesen, hat etwas sehr ehrliches. Hier dominieren nur Sprache und Dramaturgie. Kein Schnickschnack lenkt von allfälligen Unsauberkeiten ab. Kein fröhlich gestalteter Umschlag tröstet mich über den grauen Himmel hinweg, kein Buchzeichen mit Goldprägung wertet durchnittlichen Inhalt auf. Die Sprache steht hier für sich ganz alleine und muss allen Kritiken und Wiederwärtigkeiten trotzen. Die beiden Bücher, die ich zu Testzwecken parallel zueinander gelesen haben, haben mir den Beweis erbracht: Vom Einen konnte ich nicht lassen, vom Anderen konnte ich mir noch nicht einmal den Titel merken.

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