Schlimme Geschichten

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Posted on Oktober 10, 2012

In der Schweiz gibt es nur zwei Traumastationen. Eine davon befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Klinik Hard. Hier finden Menschen, die schlimme Erlebnisse hinter sich haben, eine neue Perspektive.

Die Geschichte der 35-jährigen Laura gleicht einem Albtraum. Ab ihrem vierten Lebensjahr begann der Vater, sie sexuell zu missbrauchen. Die Mutter unterstützte ihn dabei. Mit zehn Jahren kam Laura ins Heim, weil ihre Mutter gestorben war. Sie ging zur Schule, machte ihre Ausbildung und lebte ein unauffälliges Leben. Über ihre Geschichte sprach sie mit niemandem. Bis sie als 25-Jährige auf dem Nachhauseweg von fünf Männern vergewaltigt wurde. Es folgten zehn Jahre mit mindestens 20 Klinikaufenthalten, unterschiedlichen Diagnosen und starken Medikamenten. An Arbeit oder einen geregelten Alltag war nicht mehr zu denken. Laura schaffte es immer noch nicht, über die Vorfälle, die in ihrer Kindheit passiert waren, zu reden. Bis einer der Ärzte sie zur Abklärung an die Spezialstation für Traumafolgestörungen in Embrach schickte.

«Die Geschichte dieser Frau gehört sicher ins schlimmere Drittel von dem, was wir hier täglich zu hören kriegen», sagt Jochen Binder, der die Station, welche zur IPW (Integrierte Psychiatrie Winterthur-Zürcher Unterland) gehört, vor anderthalb Jahren aufgebaut hat und jetzt leitet. Die Schlimmste sei sie aber bei Weitem nicht. Menschen, die in ihrer frühen Kindheit körperliche, seelische oder sexuelle Gewalt erlebt haben, machen die grösste Patientengruppe aus. Die zweitgrösste Gruppe hat Erfahrungen mit Krieg oder Folter gemacht.

Zwischen drei und sieben Therapiestunden absolviert jeder Patient täglich. Zweimal wöchentlich steht eine individuelle Psychotherapie auf dem Programm. Ergänzende Kunst- und Bewegungstherapien finden teilweise einzeln, zum Teil in Gruppen statt. Sie seien enorm wichtig, damit die Patienten überhaupt wieder einen Bezug zum eigenen Körper und zum eigenen Empfinden herstellen könnten, erklärt Binder. Er erinnert sich an einen Mann, der sich während der ersten Wochen so schwer damit getan hat, sich im Gespräch mit einem Psychotherapeuten zu öffnen, dass die Physiotherapie die einzige Möglichkeit gewesen ist, überhaupt einen Zugang zu ihm zu finden. Andere ertragen nach Jahren des Missbrauchs überhaupt keine Berührungen.

Experte der eigenen Krankheit 

Die Patienten leben auf engem Raum zusammen, essen gemeinsam Mittag und treffen in verschiedenen Gruppenstunden aufeinander. Entsprechend intensiv ist der Austausch untereinander. Das sei durchaus gewollt und auch wichtig, sagt Binder. «Viele Patienten haben sich über die Jahre von der Aussenwelt abgekapselt und leben sehr isoliert. Hier lernen sie wieder, sich unter Mitmenschen zu bewegen und sich in eine Gruppe zu integrieren.» Über ihre Krankheitsgeschichte dürfen die Patienten untereinander aber nicht reden. Wer hier ist, hat genug mit seinen eigenen Problemen zu tun. Da braucht man nicht noch eine weitere Leidensgeschichte obendrauf.

Nach 90 Tagen ist die stationäre Therapie in der Regel zu Ende. Geheilt seien die Patienten dann aber in den wenigsten Fällen, so Binder. «So komplizierte Krankheitsgeschichten zu heilen, die teilweise seit 30 oder 40 Jahren bestehen, ist in so kurzer Zeit nicht möglich. Was wir hier versuchen, ist, die Menschen zu Experten ihrer eigenen Krankheit zu machen und ihnen wieder eine Perspektive zu geben.»

Monika Schubarth

 

Experteninterview: «Traumatische Erlebnisse sind lebensbedrohlich»

Herr Binder, es gibt einfache und komplexe Traumata. Was ist der Unterschied? 

Jochen Binder:  Bei einem einfachen Trauma handelt es sich um ein schlimmes Einzelerlebnis. Das kann zum Beispiel eine Naturkatastrophe sein oder ein Flugzeugabsturz, den jemand überlebt hat. Betroffene können solche Erlebnisse oft relativ gut verarbeiten und brauchen nur selten einen Klinikaufenthalt. Zu uns kommen meist komplex-traumatisierte Patienten, bei welchen über einen längeren Zeitraum viele kleinere und grössere Traumatisierungen stattgefunden haben. Oft handelt es sich um Opfer von regelmässig wiederkehrender Gewalt in der Familie.

Woran liegt es, dass Menschen Horrorerlebnisse wie Flugzeugabstürze gut verarbeiten können? 

Wahrscheinlich ist es so, dass Ereignisse, die jeden treffen können, nicht so persönlich genommen werden. Die Betroffenen können sie besser aussortieren und dem Zufall zuschreiben. Zwischenmenschliche Ereignisse sind viel schwieriger zu verarbeiten. Je näher die Beziehung zwischen Täter und Opfer ist, je schwieriger ist die Verarbeitung. Wenn jemand Opfer einer Zufallsvergewaltigung durch einen Fremden ist, ist das in der Regel einfacher zu verdauen, als wenn die Tat zu Hause durch den Onkel verübt wird. Denn dann kann man sich nicht sagen, dass es jeden hätte treffen können. Dazu kommt, dass Menschen, die ein einfaches traumatisches Erlebnis haben, häufiger aus einem stabilen Umfeld kommen, in dem sie Halt finden, als jemand, der seit seiner Kindheit Missbrauch erlebt hat.

Wann ist jemand aus medizinischer Sicht traumatisiert? 

Es gibt klar festgelegte Traumakriterien, die ein Patient erfüllen muss. Zum Beispiel muss es sich beim traumatischen Ereignis um eine körperlich oder seelisch lebensbedrohliche Si­tua­tion handeln. Sie muss das Gefühl von intensiver Angst und Hilflosigkeit auslösen und die Bedrohung muss von aussen nachvollziehbar sein.

Wie sieht eine seelisch lebensbedrohliche Si­tua­tion aus? 

Wir haben hier sehr viele emotionale Vernachlässigungen im Kindesalter. Ein Kind hat eine sehr eingeschränkte Handlungsfähigkeit. Wenn es dann emotional nie etwas bekommt und im Gegenteil vielleicht sogar noch geschlagen wird, kann ein lebensbedrohliches Gefühl entstehen.

Was passiert bei einem traumatischen Erlebnis im Hirn? 

Wir speichern emotionale Erlebnisse und Fakten in zwei verschiedenen Hirnhälften ab. In einer Stresssi­tua­tion, wenn ich in Gefahr bin, kann ich mir keine Emotionalität erlauben, weil ich sonst nicht mehr reagieren könnte. Also blockiert das Gehirn die Emotionalität in der Gefahrensi­tua­tion. Das Gefühl der Angst wird trotzdem abgespeichert, aber es wird im Hirn nicht mit den Fakten zusammengebracht. Ohne diese neuronale Verbindung zwischen Gefühl und Intellekt kann ich das Geschehene nicht als Gesamterlebnis abspeichern. Traumapatienten speichern Fakten und Gefühle separat ab. Oft sind sie in der Lage, schlimmste Erlebnisse zu erzählen, ohne eine emotionale Regung zu zeigen. Gleichzeitig können sie unglaublich emotional reagieren, wenn objektiv gesehen gar nichts vorgefallen ist.

Der Psychiater Jochen Binder ist Leiter der Traumastation der IPW.

Interview: Monika Schubarth

 

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