Schwestern

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Posted on August 02, 2014

Gibt es eine kompliziertere Beziehung als die zwischen zwei Schwestern? Die beiden Romane „Sturmflut“ und „Wir sind doch Schwestern“ zeigen auf, wie eng die Bande trotz aller Schwierigkeiten ein Leben lang verwoben bleiben.

Armanda und Lidy, die beiden Schwestern aus Margriet de Moors Roman „Sturmflut“ gleichen einander aufs Haar. Gelegentlich tauschen sie deshabl die Rollen. So kommt es, dass Lidy eines Tages anstelle von Armanda nach Zeeland fährt, um deren Patenkind zu besuchen. Es ist der Tag im Jahr 1953, an dem eine grosse Sturmflut über die Niederlande hereinbricht. Lidy wird diesen Ausflug nicht überleben. Der Sturm wird sie wegfegen und ihr Leben auslöschen. Zu Hause springt Armanda für die Schwester ein, die im Gegensatz zu ihr verheiratet und Mutter ist. Armanda ist schon länger in Lidys Ehemann verliebt. Sie wird diesen später heiraten und seine Kinder grossziehen. Was zunächst wie ein Verrat an der Schwester aussieht, stellt sich später als grosses Opfer dar. Denn indem Lidys Leben durch den Sturm ausgelöscht wurde, verlor Armanda ihre eigene Identität. Untrennbar bleibt sie mit der toten Schwester verbunden, indem sie deren Leben lebt. Dazu kommt, dass sie damit klarkommen muss, möglicherweise doppelt Schuld auf sich geladen hat: ein Mal weil sie nicht weiss, ob die Schwester an ihrer Stelle gestorben ist und das zweite Mal, weil sie durch den Tod der Schwester ein Tabu leben kann und indem sie die Liebe zu deren Mann auslebt.

Dicht und verstörend beschreibt Margriet de Moors Roman ein historisches Ereignis und die Wirrungen, welche dieses innerhalb einer Familie auszulösen vermag. Ein einziger Tag genügt, um ein Gleichgewicht, dass alle Beteiligten zu halten versucht haben, komplett zu zerstören. Unglaublich eng ist die  Bindung der beiden Schwestern, die gleichzeitig Konkurrentinnen sind. Auch nach dem Tod der Einen bleiben die Verpflichtungen für die Andere bestehen. Während sie kurz nach dem Unglück einfach funktioiert, stellt sie sich mit zunehmender Reife Fragen nach ihrer Existenst und ihrer Identität und beginnt zu zweifeln. Offen bleibt die Frage, ob sich Armanda aus Lidys Schatten hätte lösen können, wenn den Geschwistern nicht der Tod in die Quere gekommen wäre.

Drei Schwestern und hundert Jahre

Eng sind die Bande auch zwischen Katty, Paula und Gertrud. Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Gertrud kommen die drei Schwestern zusammen, um auf dem Tellmannshof eine grosse Feier zu geben. Paula ist inzwischen 98, Katty mit 86 Jahren das Nesthäkchen. Jede von ihnen hat ihr Leben auf ihre Weise gelebt. Bei den beiden Jüngeren spielt der Tellmannshof eine entscheidende Rolle. Für Katty ist er zum zu Hause geworden, sie hat ihn vom ehemaligen Gutsherrn geerbt. Als Haushälterin hat sie diesem während ihres ganzen Lebens die Treue gehalten, die beiden waren Vertraut, sogar die Ehefrau des Gutsherrn spielte eine untergeordnete Rolle.

Beim Gutsherrn handelte es sich um den CDU-Landtagsabgeordneten Heinricht Hegmann, die drei Schwestern waren die Grosstanten der Romanautorin. Ein Jahrhundert hatten sie erlebt, eines, in dem zwei grosse Kriege Hunger, Entbehrung, Verlust und Verrat brachten. Während Gertruds Ehemann gar nicht aus dem Krieg zurückkehrte, entdekte Paulas Gatte dort seine homosexuellen Neigungen. Auch nach dem Krieg lebte er diese zu Hause aus, solange, bis seine Frau ihn in flagranti erwischte und an die Polizei verriet. Der Mann wurde verfolgt und eingesperrt, seine Frau wusste nicht, wie mit der Schande umzugehen war. Ohnehin haderte sie mit dem Schicksal und der Liebe.

Über mehrere Jahrzehnt hatte Paula sich geweigert, einen Fuss auf den Tellmanshof zu setzen. Hier hat Hegemann ihre erste Verlobung verhindert. Der Auserwählte war der jüngere Bruder des späteren Abgeordneten und Paula in dessen Augen eine zu schlechte Partie. Ihr spätererer Mann war nur zweite Wahl. Und ausgerechnet hierhin wollte die jüngere Schwester sie holen, um gemeinsam mit ihr den Lebensabend zu verbringen. Denn allein in ihrer Wohnung wollen die Schwestern die 98-Jährige nicht mehr lassen.

Die Schatten der Vergangenheit werden mit zunehmendem Alter immer länger und marode werdende Knochen und abnehmende Muskelkraft machen es nicht leichter, den sprichwörtlichen Sprung darüber zu schaffen. Dennoch gönnt Anne Gesthuysen ihren Grosstanten ein versöhnliches Ende. Die Aussöhnung mit der Vergangenheit lässt sie ihren Frieden finden. Doch um das zu erreichen, müssen die Schwestern nochmals ihre Leben Revue passieren lassen. Alte Konflikte leben wieder auf, und obwohl sie inzwischen Alt sind und jede ihr eigenes Leben gelebt habe, erwachen stets die Muster aus der Kindheit wieder, sobald sie zusammen kommen.

Anne Gesthuysen, Wir sind doch Schwestern, Piper Verlag

Margriet de Moor, Sturmflut, Hanser Verlag und dtv

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