Von der Demokratisierung des Feuilletons

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Posted on Dezember 18, 2014

Wenn verschiedene Zeitungen aus Kostengründen ihre überregionalen Bünde zusammenlegen, ist davon auch das Feuilleton betroffen. Für die Verlage bedeutet es, dass ihre Chancen, eine Buchbesprechnung eines ihrer Titel in einem Printprodukt zu erhalten, schwinden. Denn all zu oft kommen Buchrezensionen in vielen Zeitungen ohnehin nicht vor. Wenn die Berner Zeitung rund ein Mal pro Woche eine Kritik druckt, erscheint diese in allen 14 Regionalzeitungen, welche mit ihrem Mantelteil beliefert werden. Vom Simmental bis Winterthur bekommen die Leute genau die selbe Empfehlung.

Längst haben die Verlag nach Alternativen gesucht und diese im Internet gefunden. Heerscharen von Buchbloggern tummeln sich da, erzählen, was sie gerade lesen und tauschen sich darüber aus. Die Verlage haben deren Wert zu schätzen gelernt und pflegen ihre Blogger, indem sie diese mit Gratisexemplaren eindecken oder gelegentlich einigen ausgewählten Edelbloggern ein Treffen mit einem Autor ermöglichen. Gut vernetzte Blogger erreichen zwischen mehreren hundert und einigen tausend Leser. Und weil Buchbloggern nur folgt, wer sich wirklich für Bücher interessiert, ist der Streuverlust gering und der Marketingaufwand somit ideal eingesetzt. Schweirig zu erreichen sind auf diese Art jedoch Gelegenheitsleser.

Auch ohne eigenen Blog wird im Internet fündig, wer Gleichgesinnte zum Austausch sucht. Plattformen wie Lovelybooks (Georg Holtzbrinck-Gruppe), Goodreads (Amazon) oder Was liest du (Mayersche Buchhandlung) stellen soziale Netzwerke, die speziell auf die Bedürfnisse von Lesern ausgerichtet sind, zur Verfügung. Hier kann man zeigen, was man (schon gelesen oder im Büchergestell stehen) hat, Rezensionen einstellen oder ein Buch mit Sternen bewerben, einander gegenseitig Tipps geben und sich vernetzen. Bei etlichen Titeln stellen Verlage oder Autoren Gratisexemplare für moderierte Leserunden zur Verfügung, um die Präsenz eines Buches in der Bloggosphäre zu verankern. Social Reading nennt sich diese Art des gemeinschaftlichen Lesens und tatsächlich schafft es die Möglichkeit, aus dem einsamen Akt des Lesens eine Gemeinschaft zu bilden, die unabhängig von Zeit und Ort besteht.

Lesegruppen auf Twitter bilden ein verlagsunabhängiges Pendant zu den grossen Angebotssites. Denn einen Pferdefuss haben diese: Zwar sind sie ein super Marketinginstrument für Verlage und Autoren, doch das Nachsehen haben einmal mehr die Kleinbuchhändler. Denn um ihr Angebot abzurunden, bieten Lovelybooks und Konsorten natürlich die Möglichkeit zum Direktkauf an. Und diese Links führen in den meisten Fällen direkt zu Amazon und anderen Grossisten.

Der Nachteil dieses Jekamis: Herausfinden, welche der Rezensenten eine Ahnung haben und brauchbare empfehlungen aussprechen, ist jedem selber überlassen. Keine Redaktionsleitung hat die Vorselektion übernommen und Leute auf die Posten gesetzt, welche der Aufgabe wirklich gerecht werden. Hier dürfen wirklich alle. Viele der Bloggenden sind eher Buchfans als Buchkritiker, die von Büchern schwärmen wie Teenager von Pferden in der Hoffnung, von den Verlagen mit Gratisexemplaren belohnt zu werden. Doch auch da funktioniert der Schneeballeffekt: Hat man erst mal ein oder zwei Buchblogs entdeckt, die den eigenen Ansprüchen entsprechen, kommt man dadurch rasch zu empfehlungen und weiteren spannenden Autoren.

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