«Wir werden einen mörderischen Preiskampf erleben»

Published by

Posted on März 05, 2012

Inteview mit Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizerischen Buchhändler und Verleger Verbands, vor der Eidgenössischen Volksabstimmung zur Abschaffung der Buchpreisbindung in der Schweiz.

Herr Landolf, die Gegner der Buchpreisbindung werfen Ihnen vor, gegen einen freien Markt zu sein. Was gibt es gegen einen freien Markt einzuwenden?

Grundsätzlich gar nichts. Die Buchpreisbindung ist ja ein Kulturförderungsinstrument, das im Gegensatz zu der sonst üblichen Fördermitteln den freien Markt innerhalb gewisser Leitplanken ermöglicht. Man setzt zwar mit dem eingeschränkten Verkaufspreis eine Rahmenbedingung. Aber ansonsten findet ein riesiger Wettbewerb statt mit hunderten von Anbietern und zehntausenden von neuen Titeln jährlich.

Auch mit der Preisbindung werden die Preise in Deutschland viel tiefer sein, als in der Schweiz. Kunden werden nach Möglichkeiten suchen, die Bücher dort zu besorgen.

Die grosse Herausforderung wird sein, dass wir die massiven Preisunterschiede, die es heute teilweise gegenüber Deutschland gibt, kleiner werden. Mit der Preisbindung werden wir im Gesetz den Preisüberwacher haben, der darüber wacht, dass die Erhöhung der Preise einen festgelegten Prozentsatz nicht überschreitet.

Ob und wie man ausländische Onlineanbieter dazu bringen wird, sich an das Schweizer Gesetz zu halten, sorgt noch für Diskussionen.

Dem Gesetz unterliegen alle Buchkäufe, die in der Schweiz getätigt werden. Wenn ich von einem Computer in der Schweiz aus bei einem deutschen Anbieter ein Buch bestelle, ist das ein Handel in der Schweiz und fällt damit unter das Gesetz.

Ist nicht eine Frage der Auslegung? Natürlich tätige ich als in der Schweiz eingeloggte Kundin, ein Geschäft in der Schweiz. Aber der deutsche Anbieter tätigt dasselbe Geschäft ja deswegen trotzdem in Deutschland.

Der Kaufakt findet trotzdem in der Schweiz statt. Das ist entscheidend. Auch das Parlament hat diesbezüglich seinen Willen klar manifestiert.

Der E-Book-Markt ist stark am wachsen. Warum kommen die elektronischen Bücher im Gesetz nicht vor?

Im Schweizer Gesetz sind E-Books tatsächlich noch nicht geregelt. Das hat mit dem Prozess der Gesetzgebung zu tun. 2004, als das Gesetz aufgegleist worden ist, waren E-Books noch kein grosses Thema. Deshalb hat man sie nicht aufgenommen. Irgendwann war der Punkt erreicht, dass man sie gar nicht mehr nachträglich ins Gesetz aufnehmen konnte, was aber nicht heisst, dass dies später nicht nachgeholt werden könnte. In Frankreich oder Deutschland gilt die Preisbindung auch für E-Books.

Falls die Preisbindung abgelehnt wird, was passiert mit der Branche?

Ich glaube, dass wir jetzt, nach fünf Jahren ohne Buchpreisbindung, noch lange nicht dort angekommen sind, wohin sich der freie Markt entwickeln wird. Wir werden einen mörderischen Preiskampf erleben, der zu einem massiven Buchhandelssterben, vor allem bei den kleineren und mittleren Buchhandlungen, führt. Diesen Wegfall von Verkaufsflächen werden vor allem Schweizer Verlage und Autoren drastisch zu spüren bekommen, die nicht nur Mainstream-Titel produzieren.

Und wie sah die Entwicklung in den letzten fünf Jahren aus?

In den letzten fünf Jahren stellen wir einen verstärkten Druck auf den kleinen und unabhängigen Buchhandel fest und wir haben in der Deutschschweiz pro Jahr zwischen 12 und 15 Buchhandlungen. Besonders ExLibris setzt den Markt mit Dauertiefpreisen unter Druck.

ExLibris ist ein Abieter aus der Schweiz. Wie kommt es, dass er Bücher zu so günstigen Preisen verkaufen kann?

ExLibris hat in der letzten Zeit über 30 Millionen Franken in Kampfpreise investiert. Wie die Preisgestaltung nach der Abstimmung aussehen wird, steht in den Sternen. Aus England ist bekannt, dass nach der Abschaffung der Preisbindung und der Marktbereinigung durch die Discounter die Preise für die meisten Bücher gestiegen sind.

Die Branche sich nicht einig zu sein.

Klar, es gibt ein paar Gegner aus Buchhandelskreisen. Das war zu erwarten. Wir haben vielleicht fünf Buchhändler, die durch die Schweiz tingeln und gegen die Preisbindung kämpfen, auf der anderen Seite haben wir mindestens 500 die uns unterstützen. In der Öffentlichkeit hat man manchmal das Gefühl, die Gegnerschaft sei gleich gross, weil immer zwei gegeneinander antreten.

Die Realität in Deutschland, wo Douglas Thalia abstossen will, zeigt, dass die Buchbranche trotz Preisbindung sehr stark unter Druck steht.

Ja, auch im regulierten Markt ist der Buchhandel unter Druck. Es findet ein Strukturwandel statt und der lässt sich auch mit der Buchpreisbindung nicht aufhalten. Aber man setzt ihm einen gewissen Rahmen. Auch mit Buchpreisbindung wird der Wandel weitergehen. In dieser Branche musste man schon immer um das Überleben kämpfen und daran wird sich nichts ändern. Aber das Buch ist nicht nur ein Wirtschaftsprodukt, sondern es ist aber auch ein Kulturprodukt, für welches es sich zu kämpfen lohnt. An Büchern hängen unsere Erinnerungen und unsere Bildung. Die Welt wird auch in Zukunft Bücher brauchen. Dafür setzen wir uns ein – für den Geist, und nicht nur das Geld.
Interview: Monika Schubarth

ADD A COMMENT